USA und Russland : Agentenaustausch in Wien

Ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten großen Agentenaustausch sind die Weltmächte USA und Russland erneut Hauptdarsteller eines transatlantischen Spionagethrillers. Als würdige Kulisse diente dabei Wien - seit jeher eine Drehscheibe für Geheimdienste.

Agentenaustausch? Ein amerikanisches und ein russisches Flugzeug stehen auf dem Flughafen in Wien.
Agentenaustausch? Ein amerikanisches und ein russisches Flugzeug stehen auf dem Flughafen in Wien.Foto: dpa

Showdown an der Donau: Beim größten Agentenaustausch zwischen Russland und den USA seit Ende des Kalten Krieges haben offensichtlich 14 Spione die Seiten gewechselt. Ein US-Flugzeug aus New York und eine russische Maschine aus Moskau standen am Freitag nach der Landung in der österreichischen Metropole etwa zwei Stunden auf dem Rollfeld nahe beieinander und hoben dann wieder ab. In der US-Maschine seien zehn enttarnte russische Agenten gewesen, die gegen vier Westspione aus dem Moskauer Flugzeug getauscht worden seien, hieß es. Eine offizielle Bestätigung für den transatlantischen Spionagethriller gab es aber zunächst nicht.

Das russische Außenministerium teilte mit, dass die Geheimdienste Russlands und der USA „im Geiste der konstruktiven Partnerschaft“ die Rückkehr von zehn russischen Bürgern erreicht hätten, gleichzeitig übergebe Moskau den USA vier Häftlinge. Die in den USA enttarnten Spione waren in einer von der US-Regierung gecharterten Maschine der „Vision Airlines“ von New York nach Wien geflogen, wie der TV-Sender ABC berichtete. Von dort aus sollten sie in einem Passagierflugzeug des russischen Zivilschutzministeriums vom Typ Jakowlew Jak-42 weiter nach Moskau fliegen. Beobachter vermuteten, dass die Agenten im Wiener Transitbereich oder in einem Fahrzeug ausgetauscht wurden.

Zuvor hatten sich die zehn Agenten in einem Gerichtsverfahren in New York für schuldig erklärt. Ihre Häuser und Autos sowie Teile ihres Vermögens wurden konfisziert. Zudem dürfen sie künftig nur mit Erlaubnis des US-Generalstaatsanwalts in die Vereinigten Staaten einreisen. Die Kinder der ausgewiesenen Spione dürfen die USA jederzeit verlassen, teilte ein ranghoher US-Diplomat in Moskau mit.

Kremlchef Dmitri Medwedew begnadigte in der Nacht zum Freitag vier in russischen Gefängnissen einsitzende Männer, die unmittelbar zuvor in Briefen an ihn Spionagevorwürfe eingeräumt hatten. „Einige“ von ihnen sind nach US-Angaben in schlechtem gesundheitlichen Zustand. Alle sind bereits seit mehreren Jahren im Gefängnis. Der angebliche CIA-Agent und Nuklear-Experte Igor Sutjagin (45) etwa sitzt bereits seit knapp elf Jahren in einem nordrussischen Straflager. Er sei von den russischen Behörden stark unter Druck gesetzt worden, das Geständnis zu unterschreiben, sagte seine Anwältin Anna Stawizkaja.

Außer Sutjagin wechselten in Wien wohl auch Sergej Skripalj, Alexander Saporoschski und Gennadi Wassilenko die Seiten, wie das russische Staatsfernsehen berichtete. Die vier Männer waren wegen Spionage zu Haftstrafen bis zu 18 Jahren verurteilt worden.

Die schnelle Rückkehr nach Russland der in den USA aufgeflogenen Spione wurde „durch den neuen Geist der russisch-amerikanischen Beziehungen und das hohe Niveau des gegenseitigen Verständnisses der Präsidenten beider Länder“ möglich, verlautete aus dem Kreml. Vertreter beider Staaten hatten wiederholt erklärt, die Affäre werde sich nicht negativ auf die Beziehungen zwischen Moskau und Washington auswirken. „Dass sich beide Länder in einer solch feinfühligen Frage so schnell einigen, zeigt den ausgezeichneten Stand der bilateralen Beziehungen“, sagte der Moskauer Politologe Viktor Kremenjuk.

Unterdessen kündigten zwei der zehn Spione an, nicht in Russland bleiben zu wollen. Die wegen ihres attraktiven Äußeren von der Boulevardpresse als „Agentin 90-60-90“ bezeichnete Anna Chapman (28) wolle in Großbritannien leben, sagte ihr US-Anwalt Robert Baum. Chapman werde aber kein Buch schreiben und auch keinem Film zustimmen, da alle Tantiemen von den Behörden beschlagnahmt würden.

Die vor der Affäre wohl bekannteste Beteiligte, die Journalistin Vicky Pelaez, will in ihr Heimatland Peru zurückkehren. Russland habe der 55-Jährigen ein Appartement und eine Leibrente von 2000 Dollar (knapp 1600 Euro) im Monat angeboten sowie Visa und Flugtickets für die Kinder, wurde Pelaez' Anwalt zitiert. Sie lehne dies aber ab. (dpa)

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