Politik : USA warnen China vor Einsatz von Gewalt gegen Taiwan

WASHINGTON/PEKING (rtr/AFP/AP). Die USA haben sich in den eskalierenden Streit zwischen China und Taiwan eingeschaltet und Peking vor dem Einsatz von Gewalt gewarnt. Die Vereinigten Staaten würden alle Versuche, die Taiwan-Frage mit anderen als friedlichen Mitteln zu lösen, als Bedrohung des Friedens und der Sicherheit der westlichen Pazifik-Region interpretieren, warnte der Sprecher des US-Außenamts, Rubin. China versetzte seine Truppen in dem Taiwan gegenüberliegenden Küstendistrikt in erhöhte Alarmbereitschaft. Zudem erwägt Peking Berichten zufolge, lange geplante Gespräche in Taipeh abzusagen. Taiwans Börse reagierte auf Chinas Drohungen mit dem tiefsten Sturz seit drei Jahren. Peking hatte erklärt, die Unabhängigkeit Taiwans notfalls mit Waffengewalt zu verhindern.An der Aktienbörse in Taipeh kam es zu Panikverkäufen, die den Aktienindex um 6,4 Prozent auf einen Stand fallen ließen, der letztmals 1996 erreicht wurde. Damals hatte China Raketentests vor der Küste abgehalten. Taiwans Vizefinanzminister Wang Jung-chou mahnte Investoren zur Ruhe und stellte staatliche Stützungskäufe in Aussicht.Die Krise war durch Äußerungen des taiwanesischen Präsidenten Lee Teng-hui ausgelöst worden, der die Beziehungen zu Peking als "zwischenstaatlich" definiert hatte und damit das Prinzip aufgegeben hatte, daß es nur ein China gebe. Tags darauf hatte Taipeh diese Version noch einmal bekräftigt.Nach dem Rechtsverständnis der chinesischen Führung ist Taiwan eine 1949 abtrünnig gewordene Provinz.Nach Ansicht Chinas kann es nun vorerst keine Kontakte geben. Der im Herbst geplante historische Besuch von Chefunterhändler Wang Daohan in Taiwan sei "unmöglich", solange es keine "Klarstellung" der jüngsten Äußerungen aus Taipeh gebe, berichtete die Zeitung "China Daily". Beobachter werteten dies als eine Aufforderung an Taipeh, zur Ein-China-Politik zurückzukehren. Ein Funktionär wurde mit der Aussage zitiert, betroffen seien auch Kontakte zwischen halboffiziellen Einrichtungen, über die beide Seiten miteinander Verbindung halten. Taiwan hatte gehofft, daß mit dem Treffen im Herbst die von Peking 1995 abgebrochenen bilateralen Gespräche wiederaufgenommen würden.Washington betonte, man halte an der "Ein-China-Doktrin" fest; als informelle Schutzmacht wären die USA aber zum militärischen Beistand für Taipeh verpflichtet. Auf die Bekanntgabe Pekings, die Neutronenbombe bauen zu können, reagierten die USA ebenso wie die Atommacht Rußland zurückhaltend. Der Sprecher des Weißen Hauses, Lockhart, sagte, die Chinesen verfügten über "weniger als zwei Dutzend" atomare Langstreckenraketen, die Vereinigten Staaten hätten mehr als 6000. Deshalb könne der nukleare Schutzschild der USA alle Angriffe abwehren.Wie aus Regierungskreisen in Peking verlautete, gilt seit Freitag die Alarmstufe zwei für die Streitkräfte im Militärdistrikt Nanking, der gegenüber von Taiwan an der Küste liegt. Damit reagierte Peking auf entsprechende Maßnahmen der Regierung in Taipeh. Die Alarmstufe zwei ist die dritthöchste Stufe für die Volksbefreiungsarmee. Zudem ordnete Präsident Jiang Zemin nach Informationen von zwei Hongkonger Zeitungen an, daß sich die Volksbefreiungsarmee in den Städten Nanking und Guangzhou auf den Kriegsfall vorbereiten solle. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. In westlichen Militärkreisen in Peking wurde dies für unwahrscheinlich gehalten. Taiwans Verteidigungsministerium erklärte, es gebe keine Anzeichen für Truppenbewegungen der kommunistischen Volksbefreiungsarmee.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben