• USA: Warum eigentlich nicht Bill Clinton? Bush und Gore suchen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft

Politik : USA: Warum eigentlich nicht Bill Clinton? Bush und Gore suchen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft

Robert von Rimscha

Freundlich war es nicht gerade, was der Parteifreund zu sagen hatte. "Das war ein hochgradiger Akt gefühlloser Arroganz!", wetterte Senator Robert Byrd aus West Virginia. Byrd ist Demokrat. Demokrat ist auch Bill Richardson, Amerikas Energie-Minister und das Objekt der Rüge. "Sie hatten eine strahlende, brillante Karriere", fuhr Byrd fort. "Aber Sie werden nie wieder die Unterstützung dieses Senats bekommen, falls Sie für irgendein Amt nominiert werden."

Richardson saß reichlich verdattert vor Byrd am Tisch der Anhörungs-Opfer. Byrd war so in Rage geraten, weil Richardson, der Verantwortliche für die Skandal-Labors von Los Alamos, sich dem Kongress erst nach mehrfacher Aufforderung gestellt hatte. Doch Byrds Zorn ist mehr als ein Rüffel für einen ambitionierten Clinton-Minister.

Die Schelte vom Mittwoch wegen der verschwundenen Atom-Daten beendete alle Spekulationen, Richardson habe gute Chancen, von Al Gore zum Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ernannt zu werden. Seine zur Hälfte spanische Herkunft hätte Richardson zu einer guten Waffe gegen George W. Bushs Zulauf im Südwesten der USA gemacht. Doch so gründlich, wie sich der Energie-Minister desavouiert hat, scheidet er wohl aus dem Rennen aus.

Seit die innerparteilichen Vorwahlen von Republikanern und Demokraten Anfang März entschieden wurden, ist öffentliche Ruhe im Präsidentschaftswettbewerb eingetreten. Ende Juli beginnen die Nominierungs-"Conventions" und mit ihnen die heiße Phase. Jetzt, wo sich das Fernsehen und damit ein Massenpublikum nicht für das Bush-Gore-Duell interessiert, ist die Phase der Positionspapiere und Personal-Entscheidungen.

Als Amerika noch jung war, wurde der geschlagene Zweite im Präsidentschaftswahlkampf zum Vize. Später war es der Unterlegene beim Nominierungs-Konvent, dem der Job angetragen wurde. Seit Jahrzehnten ist es alleiniges Recht des Spitzenkandidaten, sich seinen Vize auszusuchen.

Wer es wird, ist unklar. Die jüngste Zählung der "New York Times" hat 52 Kandidaten ergeben, die als mögliche Partner von George W. Bush genannt werden. Ex-Verteidigungsminister Dick Cheney ist der Chef der Findungskommission. Die zwei populärsten Anwärter haben beide erklärt, sie stünden nicht bereit: Ex-Generalstabschef Colin Powell, der indes die Übernahme des Außenministeriums nicht ausschließt, und Ex-Konkurrent John McCain. Beide würden Bush die nötige Kompetenz in außenpolitischen Dingen verleihen.

Ein Vize-Kandidat, der für sowohl für Bush als auch für Gore in Betracht kommt, ist Verteidigungsminister Bill Cohen. Er dient als Republikaner in der Regierung des Demokraten Bill Clinton. Ihn auf dem "ticket" zu haben, würde jedem Kandidaten die Aura des überparteilichen Mannes der Mitte verleihen. Bei Al Gore ist die Vize-Kandidaten-Landschaft gleich unübersichtlich wie bei Bush. Spötter meinen, Bill Clinton wäre die nützlichste Wahl.

Während sich die Planer im Gore- und Bush-Lager die Köpfe zerbrechen, wer dem Spitzenkandidaten zur Seite gestellt werden soll, liegt Bush in Umfragen weiter leicht vor Gore. Mehr und mehr schieben sich indes zwei Figuren ins Zentrum, die vor allem für Gore gefährlich werden könnten. In Kalifornien, wo Gore gewinnen muss, sprechen sich rund acht Prozent für den Grünen-Kandidaten Ralph Nader aus. Der Verbraucheranwalt traf sich am Donnerstag mit Gewerkschaftsboss Jim Hoffa, der voll des Lobes war. Hoffa selbst wurde von Reform-Kandidat Pat Buchanan gebeten, sein Vize-Kandidat zu werden. Alan Keyes, der schwarze Harvard-Politologe mit einschüchterndem Prediger-Talent und strikt moralisch-konservativen Überzeugungen, ist ein weiterer Kandidat für den Platz neben Buchanan.

Zwischen dem Linken Nader und dem Rechten Buchanan hat sich eine seltsame Allianz ergeben. Beide treten für Globalisierungs-Verlierer ein, wettern gegen die Großindustrie und den Freihandel. Ihr Werben um Amerikas Arbeiterschaft kostet Gore in Naders linksalternativ-antikapitalistischem Lager und Bush überall dort, wo Buchanans Isolationismus ankommt. Beide, Nader und Buchanan, versuchen derzeit vor Gericht, sich - und ihren Vize-Kandidaten - ein Stehpult bei den Fernseh-Debatten im Herbst zu erkämpfen. Nader ist der einzige der vier wichtigsten Spitzenkandidaten, der bereits einen Vize hat: Winona LaDuke, eine indianische Autorin von acht Belletristik- und Sach-Büchern.

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