Politik : USA werfen Nordkorea „Kriegslust“ vor

Experten: Südkoreanisches Schiff wurde durch einen Torpedo versenkt / Seoul prüft „Gegenmaßnahmen“

Seoul/Washington - Knapp zwei Monate nach dem Untergang eines südkoreanischen Kriegsschiffs mit 46 Todesopfern sehen internationale Ermittler die Schuld Nordkoreas als erwiesen an. Südkoreas Präsident Lee Myung Bak drohte der Führung in Pjöngjang am Donnerstag mit „resoluten Gegenmaßnahmen“. Nordkorea wies den Vorwurf, die „Cheonan“ mit einem Torpedoangriff versenkt zu haben, energisch zurück und warnte vor Krieg.

Das internationale Ermittlerteam kam zu dem Schluss, dass die Beweise für einen nordkoreanischen Torpedoangriff „überwältigend“ seien. „Es gibt keine andere Erklärung“, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Die „Cheonan“ war am 26. März nach einer Explosion an der umstrittenen Seegrenze mit Nordkorea im Gelben Meer auseinandergebrochen und gesunken.

Lee kündigte in einem Telefonat mit dem australischen Premierminister Kevin Rudd „resolute Gegenmaßnahmen“ an. Einen militärischen Gegenschlag erwägt die Regierung in Seoul aber offenbar nicht, sondern sie könnte den UN-Sicherheitsrat wegen schärferen Sanktionen gegen Nordkorea anrufen. Eine Entscheidung über die südkoreanische Reaktion soll bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates am Freitag fallen. Lee verlangte, Pjöngjang müsse seine Schuld anerkennen und als „verantwortliches Mitglied der internationalen Gemeinschaft“ zurückkehren.

Nordkorea wies dagegen jede Verwicklung von sich. Wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf nordkoreanische Medien meldete, warnte Pjöngjang „vor einem Krieg im großen Stil“, sollte es neue Sanktionen gegen das Land geben. Der Untersuchungsbericht sei eine „Fälschung“. Nordkorea verlangte, die Ergebnisse von eigenen Ermittlern überprüfen zu lassen – was Südkorea umgehend ablehnte.

Experten aus Südkorea, Schweden, Großbritannien, Australien und den USA hatten wochenlang die aus dem Meer geborgenen Beweismittel und Wrackteile der „Cheonan“ untersucht. Ihrem Bericht zufolge wurde die 1200 Tonnen schwere Korvette von einem 250 Kilogramm schweren nordkoreanischen Torpedo versenkt. Die gefundenen Teile passen demnach „perfekt“ zu einer Torpedo-Art, die Nordkorea auf dem Rüstungsmarkt angeboten hat. Die Attacke sei vermutlich von einem Mini-U-Boot ausgeführt worden, das mit einem Mutterschiff wenige Tage zuvor aus einem Marinestützpunkt am Gelben Meer ausgelaufen sei.

Die USA fanden weit stärkere Worte für den Vorgang. „Die Vereinigten Staaten verurteilen diesen Akt der Aggression in aller Schärfe“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Gibbs. Die „Kriegslust“ und das „unakzeptable Benehmen“ Pjöngjangs, sagte Gibbs, gefährde das von Nord und Süd unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte die Ergebnisse der Untersuchung „zutiefst beunruhigend“. China, dem als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat eine Schlüsselrolle bei der Verhängung neuer Sanktionen gegen Nordkorea zukäme, griff zu einer schwächeren Wortwahl. Das Außenministerium in Peking rief alle Seiten zur „Zurückhaltung“ auf und kündigte an, sich ein eigenes Bild von den Ermittlungsergebnissen zu machen.

Gerechnet wird in Südkorea mit einer verstärkten Militärpräsenz nahe der Seegrenze. Präsident Lee Myung Bak hat kritisiert, das Militär müsse besser auf Angriffe vorbereitet sein. Auch der Ruf nach mehr Abschreckung wurde laut. Manche Beobachter warnen, dies könne die Gefahr einer bewaffneten Konfrontation vergrößern. Als weitere Optionen des Südens werden von südkoreanischen Politikern und in Medienberichten etwa eine Verminung der umstrittenen Seegrenze und verstärkte Patrouillen der Marine genannt. Statt zunächst Warnschüsse abzugeben, könne bei Konfrontationen mit Kriegsschiffen des Nordens gleich das Feuer eröffnet werden.

Die Grenze im Gelben Meer war nach Ende des Koreakriegs 1953 von US-geführten UN-Truppen einseitig beschlossen worden. Nordkorea erkennt sie bis heute nicht an, beide Länder befinden sich bis heute offiziell im Kriegszustand. Der Untergang der „Cheonan“ ist der schwerste Zwischenfall seit einem Nordkorea zugeschriebenen Anschlag auf ein südkoreanisches Passagierflugzeug 1987, bei dem 115 Menschen ums Leben kamen. AFP/rtr

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