Politik : USA werten Selbstmorde in Guantanamo als Propaganda

Christoph von Marschall[Washington]

Der Selbstmord dreier Araber im Gefangenenlager Guantanamo hat eine neue Debatte über die Legitimität des Lagers auf Kuba ausgelöst. „Dies war keine Verzweiflungstat, sondern ein Akt asymmetrischer Kriegsführung gegen uns“, sagte Lagerkommandant Admiral Harry Harris. Präsident Bush ist nach Worten seines Sprechers „ernsthaft besorgt“ über die Entwicklung. Die drei waren nach Darstellung der Armee tot in ihren Zellen gefunden worden. Sie hatten sich mit Schlingen aus Bettzeug erhängt. Harris machte keine Angaben zu ihrer Identität. Nach Informationen von US-Medien handelt es sich um zwei Saudis und einen Jemeniten. Es waren die ersten Selbstmorde seit Gründung des Lagers 2002.

Die Behörden in Saudi-Arabien haben allerdings Zweifel an der Selbstmord- Version. Der Sprecher des Innenministeriums, Generalmajor Mansur al Turki, äußerte in Riad den Verdacht, die Männer könnten gefoltert worden sein. Das Königreich werde sich bemühen, die sterblichen Überreste der beiden Saudis Jassir al Sahrani und Manea al Oteibi in ihre Heimat zu bringen.

Guantanamo war als Lager für „internationale Terroristen“ eingerichtet worden, die Amerikanern nach dem Leben trachten. Anwälte der Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen argumentieren, die Selbstmordversuche zeigten die Verzweiflung der Insassen. Sie sähen sich in aussichtsloser Lage und ohne jede Perspektive freizukommen, da die USA ihnen den Zugang zu regulären Gerichten verweigern. Die US-Armee spricht dagegen von einem überlegten Propagandakrieg. Anderswo setzten islamistische Terroristen ihr Leben in Selbstmordattentaten ein – und in Guantanamo, um die USA als eine verlogene Macht vorzuführen, die ihre Werte und Grundrechtsnormen ignoriert und für den Tod von Muslimen verantwortlich ist.

Im Februar hatten Berichte Kontroversen ausgelöst, dass Gefangene in den Hungerstreik getreten sind und von Lagermedizinern zwangsernährt werden. Um die Betroffenen am Freitod zu hindern, würden sie zum Teil stundenlang festgeschnallt, damit man sie mit Schläuchen ernähren könne und es ihnen unmöglich mache, sich zu erbrechen. Dies führte zum Vorwurf, die Armee foltere Gefangene in Guantanamo.

Vor drei Wochen hatte es Meldungen über einen koordinierten Versuch mehrerer Insassen gegeben, sich mit gehorteten Medikamenten das Leben zu nehmen. Sie wurden von Militärärzten gerettet. Daraufhin kam es zur bisher schwersten Gefangenenrevolte auf dem US-Stützpunkt auf Kuba. Nach beiden Vorfällen hieß es, die USA befürchteten, dass gelungene Selbstmorde Unruhen in Guantanamo sowie eine neue internationale Protestwelle gegen das weltweit kritisierte Lager auslösen. Dort sitzen rund 500 Terrorverdächtige ein. Nur gegen zehn wurde offiziell Anklage erhoben. 136 sollen freigelassen werden, doch ist noch kein Land bereit, sie aufzunehmen.

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