Politik : Usbekistans Angst vor der Revolution

Elke Windisch

Moskau - Splitternackt habe er seinen Mandanten in der Zelle vorgefunden. Stehend, mit im Nacken gekreuzten Armen und von einer Seite auf die andere schwankend. Er sei nicht ansprechbar gewesen und habe offensichtlich unter dem Einfluss von Psychopharmaka gestanden. So zitierte die „Nowaja Gaseta“, ein in Moskau erscheinendes kritisches Wochenblatt, den Anwalt von Sandschar Umarow. Ob dieser gegenwärtig noch am Leben sei, so der Anwalt, wisse er nicht.

Umarow war, wie erst jetzt bekannt wurde, in der Nacht zum 23. Oktober vom usbekischen Sicherheitsdienst verhaftet worden. Offiziell werden ihm Wirtschaftsvergehen zur Last gelegt. Beobachter gehen aber von politischen Motiven aus. Der 49-Jährige ist Gründer der Bewegung „Sonniges Usbekistan“ – einer Interessenvereinigung von gemäßigt oppositionellen Unternehmern. Die Vereinigung drängt auf Reformen der Wirtschaft, die sich nach wie vor weit gehend am sowjetischen Modell orientiert.

Mehr noch: Sowohl die weltliche Opposition im Exil als auch illegale islamische Gruppierungen in Usbekistan wollten mit Umarow nichts zu tun haben. Umarow, so hieß es dort, sei von Präsident Islam Karimow als Scheinopposition und möglicher Nachfolger aufgebaut worden. Dieser Verdacht lag nahe: Immerhin betrieb er mit Karimows Tochter Gulnar den Mobilfunk-Anbieter Uzdunorbita und belieferte im Auftrag der Regierung die an der Anti-Terror-Operation in Afghanistan beteiligten US-Truppen auf der usbekischen Luftwaffenbasis Chanabad mit Treibstoff.

Dass sogar er und seinesgleichen inzwischen als systemgefährdend gelten, muss als Kollateralschaden der amerikanischen Zentralasien-Politik gelten. Eigentlich wollte die Bush-Administration mit dem von ihr unterstützten Machtwechsel im benachbarten Kirgisien im vergangenen März die Demokratisierung der gesamten Region in Gang setzen. Erreicht hat sie damit das Gegenteil: Die lokalen Herrscher ziehen die innenpolitischen Daumenschrauben weiter an.

Allein in Usbekistan sitzen, so Vertreter der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, momentan über 7000 politische Häftlinge ein. Darunter befinden sich auch Teilnehmer der Unruhen in der Stadt Andischan, wo es Mitte Mai mehr als 700 Tote gab. Die Führer der Revolte, denen seit 20. September in Taschkent der Prozess gemacht wird, forderten – nach Misshandlungen, wie die Organisation „Human Rights Watch“ meldet – inzwischen für sich selbst die Todesstrafe. Zuvor hätten sie „bekannt“, die Unruhen seien von der US-Botschaft und westlichen Medien, darunter der BBC, finanziert worden.

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