Countdown zur US-Wahl: Noch 10 Tage : Über Soccer-Moms und Fahrradfahrer

Amerikaner lieben ihre Autos. Fußgänger und Fahrradfahrer haben keine Chance im Straßenverkehr. Solche Sätze über die USA hört man oft. Ganz falsch sind sie nicht. Doch manchmal lässt die Realität ein bisschen staunen.

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Fahrrad-Boom in Los Angeles.
Fahrrad-Boom in Los Angeles.Foto: dpa

Selbst kurze Entfernungen legen US-Amerikaner im überdimensionierten Minivan zurück. Der Inbegriff dafür ist die „soccer mom“ aus der weißen Mittelschicht, die ihre Zeit damit vertrödelt, ihre Kinder zu irgendwelchen Sportveranstaltungen zu kutschieren. Dort stehen die „soccer moms“ dann am Spielfeldrand und plaudern mit anderen „soccer moms“ über Erziehung, Schule, Kochrezepte und Friseurtermine.

Solche Sätze über die USA hört man oft. Ganz falsch sind sie nicht. Doch manchmal lässt die Realität ein bisschen staunen.

Zunächst die „soccer moms“. Im „Ben Brenmen Park“ in Alexandria gibt es drei Fußballfelder. Während der Saison spielen jeden Samstag zwischen 7 Uhr 30 und 12 Uhr 30 die nach Alter und Geschlecht gestaffelten Teams der Schulen aus der Umgebung gegeneinander.

Es ist 8 Uhr 45. Auf Feld drei sind acht U-12-Mädchen aus der „Mac Arthur Elementary School“ aufgelaufen. Ihre Mütter (und drei Väter) sitzen am Spielfeldrand auf sehr komfortablen Camping-Klappstühlen. Ebenfalls mitgebracht haben sie sich einen großen Starbucks-Kaffee. Kurze Begrüßung, Anpfiff. Nach wenigen Minuten wird von den „soccer moms“ das Ipad gezückt und gearbeitet. Geschäfte werden getätigt, Emails beantwortet. Zwischendrin geht der Blick kurz hoch, zwanzig Sekunden Anfeuerung, dann geht’s weiter mit der Arbeit.

Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.
Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet.Grafik: Tsp

Fast jeder hier ist berufstätig. Früher trugen die „soccer moms“ T-Shirts mit der Aufschrift „I don’t have a life. My kid plays soccer“. Doch im Ipad- und Kindle-Zeitalter hat sich das Leben am Spielfeldrand verändert. Physische Büropräsenz zu festgelegten Arbeitszeiten ist in vielen Branchen ohnehin immer weniger notwendig geworden.

Dann ist da die Sache mit den Autos und den Fahrrädern. In Washington D.C. hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich gar nichts verändert, bis auf  – die vielen neuen Fahrräder und Fahrradwege. Ein wahrer Zweiradboom scheint ausgebrochen zu sein. Auf den hölzernen Parkbänken rund um den Dupont Circle sitzen plötzlich Dutzende Radler in voller Montur, vor ihnen das Hightech-Gestell.

Die Distanz von ungefähr der Hälfte aller innerstädtischen Fahrten in Amerika ist kürzer als fünf Kilometer. Kein Wunder, dass sich die Zahl der Fahrradfahrer in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt hat. Von europäischen Verhältnissen ist man zwar noch sehr weit entfernt, doch Städte wie Washington D.C., New York und San Francisco holen rasant auf.

Das freilich hat Folgen für die Unfallstatistik. In New York ist die Zahl der Verkehrsunfälle mit Todesfolge zwischen Juli 2011 und Juni 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent gestiegen. 176 Fahrradfahrer oder Fußgänger wurden in dieser Zeit im Straßenverkehr getötet, zuvor waren es 158. Besonders große Sorge bereiten den Verantwortlichen die so genannten „dooring accidents“ – Unfälle, die durch das unachtsame Öffnen von Autotüren entstehen. New Yorker Taxi-Unternehmen sind daher aufgefordert worden, entsprechende Warnschilder anzubringen.

Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USA
Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USAFoto: Tsp

In Kalifornien setzt man dagegen ganz auf Technik. Ende September unterzeichnete Gouverneur Jerry Brown ein Gesetz, das den Einsatz vollautomatisch betriebener Autos auf den Straßen des Bundesstaates erlaubt. Mit anderen Worten: Hinter dem Steuer sitzt keiner mehr. Jedenfalls im Prinzip. Dem Gesetz zufolge dürfen die Autos zwar künftig vollautomatisch fahren, doch hinter dem Lenkrad muss weiterhin – für alle Fälle – ein Fahrer mit gültiger Fahrerlaubnis sitzen.

„Selbst fahrende Autos sind ein weiteres Beispiel für Kaliforniens technologische Überlegenheit, heutiges Science-Fiction in morgige Realität zu verwandeln“, sagte ein euphorischer Brown bei der Unterzeichnungszeremonie. Das Projekt wird von Google betrieben und soll die Verkehrssicherheit durch den Einsatz computergesteuerter Sensor- und Satellitentechnik erhöhen.

Amerikaner lieben ihre Autos. Und sie versuchen, sich jede neue Technik zunutze zu machen.

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