Countdown zur US-Wahl: Noch 3 Tage : In den USA wird kein Kulturkampf ausgetragen

Amerika ist vor der Wahl in zwei etwa gleich starke Lager gespalten. Und dennoch: Die Schnittmenge an Werten und Überzeugungen, die diese Lager verbindet, ist größer, als durch das Patt suggeriert wird.

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Ein Romney wärmt kein Gemüt, der Obama-Hype ist verpufft.
Ein Romney wärmt kein Gemüt, der Obama-Hype ist verpufft.Foto: afp

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Zeitungsredakteure die Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten vorschreiben, um im Fall der Fälle schnell reagieren zu können. Im Ordner „Tote“ liegen die Texte manchmal viele Jahre lang. Es kommt vor, dass der Autor eines Nachrufes früher stirbt als die Person, die er gewürdigt hat. Dann muss ein neuer Nachruf geschrieben werden.

Auch Kommentare zu Wahlergebnissen werden oft vorgeschrieben. Die Frühausgabe der Zeitung geht kurz nach den ersten Hochrechnungen in Druck. Da bleibt kaum Zeit zum Räsonnieren. Online hat diesen Trend noch verstärkt. Wer fünf Minuten nach Bekanntwerden der Zahlen bereits mit einer fertigen Analyse an die Öffentlichkeit geht, wird geklickt und setzt den Spin.

Also rasch an die Arbeit. Wie könnte der Leitartikel am Tag nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl anfangen? Vielleicht so: Die Wahlnacht enthüllte, dass ein tief gespaltenes Volk sich auf zwei fast gleich starke Lager verteilte. Es wirkte, als wären zwei verschiedene Nationen zur Wahl gegangen – Männer gegen Frauen, Weiße gegen Schwarze, Protestanten gegen Katholiken und Juden, Land gegen Stadt, Kleinstädte gegen Großstädte, die einen mehrheitlich für Mitt Romney, die anderen für Barack Obama.

Obama vs. Romney - der Wahlkampf in Bildern
Unterstützer des amtierenden US-Präsidenten Barack Obama in Wisconsin, das als "Swing-State" gilt. Erfahren Sie mehr über die Staaten, in denen sich die Wahl entscheiden soll. Hier geht's lang.Weitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: Afp
05.11.2012 12:03Unterstützer des amtierenden US-Präsidenten Barack Obama in Wisconsin, das als "Swing-State" gilt. Erfahren Sie mehr über die...

Oops, diesen Text gibt es schon. Er stand vor zwölf Jahren im „Spiegel“ (Überschrift: „Die geteilte Nation“), damals, als die Wahl nach einem Patt zwischen George W. Bush und Al Gore in die Florida-Verlängerung ging. Wenn man die Namen austauscht, liest er sich immer noch aktuell.

Zweiter Versuch: Nicht nur zwei Kandidaten standen zur Abstimmung, sondern zwei Weltsichten. Ein Zusammenprall der Kulturen. Der „rote Amerikaner“ ist nach der Typologie der Demoskopen ein wenig älter als der Schnitt und verheiratet. Er gehört meist keiner Gewerkschaft an, liebt Macho-Sportarten und besitzt eine Schusswaffe. Er wohnt auf dem Land oder in der Kleinstadt. Der „blaue Amerikaner“ ist eine Frau, lebt in der Großstadt oder in einem Vorort, ist jünger als der Schnitt, ist gut ausgebildet und findet ethnische Vielfalt erstrebenswert (oder zählt selbst zu einer Minderheit). Es ist ein Schisma, eine Apartheid der Lebensverhältnisse.

Man ahnt es: Auch dieser Text ist bereits erschienen, er stand 2004 in der „Zeit“, nachdem George W. Bush knapp gegen John Kerry gewonnen hatte (Überschrift: „Die Vereinigten Halbnationen“). In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß es im selben Jahr, kurz vor der Wahl (Überschrift: „Das große Patt“): „Die Meinungsumfragen, die mittlerweile beinahe stündlich veröffentlicht werden, sehen mal den Präsidenten vorn, mal den Herausforderer. Niemand wagt noch Prognosen. Sicher ist nur, dass es eng werden wird, sehr eng.“

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