Countdown zur US-Wahl: Noch 37 Tage : Links, klüger, am schnellsten

30.09.2012 16:15 Uhrvon
Rachel Maddow bedient gnadenlos die Sehnsucht nach dem rhetorischen Knock-out-Punch. Foto: AFP
Rachel Maddow bedient gnadenlos die Sehnsucht nach dem rhetorischen Knock-out-Punch. - Foto: AFP

Rachel Maddow ist schlagfertig und schlau, witzig und gemein, sarkastisch und voreingenommen. Neutraler Journalismus? Der ist von gestern.

Mit ihrer „Rachel Maddow Show“ poltert sie jeden Abend zur besten Sendezeit gegen die Republikaner und deren Spitzenkandidaten Mitt Romney. Besser gesagt: Rachel Maddow zerfetzt ihre Gegner im Äther. Sie lässt nicht nur kein gutes Haar an ihnen, sondern reißt ihnen jedes einzeln heraus. Wenn Barack Obama Präsident bleibt, kann er sich auch bei ihr bedanken.

Seit einigen Jahren hat sich der Nachrichtensender MSNBC, der die „Rachel Maddow Show“ ausstrahlt, als linkes Gegenorgan zu Fox-News etabliert.

Auf der Strecke geblieben in diesem Wettstreit der Parteilichkeit ist CNN. Mit dessen Anspruch auf Objektivität lässt sich keine Quote mehr machen. Das seriöse Vortragen von Fakten, die den Zuschauer zu einem eigenen Urteil befähigen sollen, gilt als langweilig.

Der unangefochtene Star auf Fox-News ist seit Ende der neunziger Jahre Bill O’Reilly. Mit ihm zog ein neues, sehr erfolgreiches Format in Amerikas politischen TV-Abend ein – die Nachrichtenshow. Sie soll Hitze entfachen statt Licht spenden, unterhalten statt informieren. Gäste werden eingeladen – und im Stakkato zur Schnecke gemacht. Rhetorische Brillanz schlägt fundierte Argumente. Angriff, heißt die Devise: Die politischen Gegner lügen notorisch, verschweigen die Fakten, sind unmoralisch. Solcher Schenkelklopfer-Journalismus macht Quote.

Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USA Foto: Tsp
Malte Lehming berichtet in seinem Countdown zur Wahl aus den USA - Foto: Tsp

Das Konzept kopiert haben daher die Kabel-Konkurrenten von MSNBC. Und in Rachel Maddow hat Bill O’Reilly nun zum ersten Mal ein ebenbürtiges Pendant. Ihr fehlt zwar dessen Gravität, doch das macht die attraktive Kalifornierin durch pointierte Polemik wett.

Geprägt wurde sie zunächst durch Multikulti und Moral – die Abstammungslinie des Vaters stammt aus Russland und Holland, die der Mutter aus England und Irland, beide „sehr, sehr katholisch“, wie Maddow sagt. Nach der Schule besuchte sie die renommierte Stanford University, wo sie von einer Studentenzeitung als homosexuell geoutet wurde. Als „erste bekennende amerikanische Homosexuelle“, wie es kurze Zeit später hieß, erhielt Maddow dann im Anschluss an das Studium das begehrte Rhodes-Stipendium und ging 1995 nach Oxford. Dort verlieh man ihr sechs Jahre später den Doktortitel in Politischer Wissenschaft. Ihre Promotionsarbeit trägt den Titel „HIV/Aids and Health Care Reform in British and American Prisons“.

Der Wahlkampf in Bildern:

Steil verlief auch Maddows anschließender Aufstieg im Mediengeschäft. Anfangs dockte sie im Radio an, doch rasch wurde sie als politische Kommentatorin fürs Fernsehen entdeckt. Am 8. September 2008 wurde „The Rachel Maddow Show“ dann zum ersten Mal von MSNBC ausgestrahlt. Nach einem Monat hatten sich die Zuschauerzahlen bereits verdoppelt. Besonders erfolgreich ist sie beim werberelevanten jungen Publikum. Das liebt offenbar ihre prononcierten Provokationen.

Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet. Grafik: Tsp
Countdown zur Wahl: Malte Lehming berichtet. - Grafik: Tsp

MSNBC ist zum „liberal evil twin“ (linken bösen Zwilling) von Fox-News geworden, beklagt die „New York Times“. Wenn beide Kanäle von einem Ereignis berichten, etwa den Parteitagen von Republikanern und Demokraten, gibt es kaum noch eine Schnittmenge an gemeinsam verbreiteten Informationen. Entweder man stürzt sich genüsslich auf die Pannen oder man bejubelt das eigene Team – und vice versa. Parallele Wahrnehmungsuniversen werden allabendlich geschaffen, sie berühren sich fast nie.

Die weltliche Göttin in einer davon ist Rachel Maddow. Gnadenlos bedient sie die Sehnsucht nach dem Knock-out-Punch, der den Gegner rhetorisch zu Boden schlägt. Diese Sehnsucht ist vielleicht das letzte, was Linke und Rechte in Amerika noch gemeinsam haben.

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