Countdown zur US-Wahl: Noch 6 Tage : Mehr Europa wagen!

Unser Korrespondent hofft, dass das Schreckgespenst "Europa = Sozialismus" endlich aus den USA vertrieben wird. Denn: Eine funktionierende Infrastruktur, ein sicheres Gesundheits- und ein öffentliches Bildungssystem hätten ihm in den vergangenen Monaten so einiges erleichtert.

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Nicht nur nach großen Wirbelstürmen wie "Sandy" fällt in den USA öfter mal der Strom aus. Die Menschen arrangieren sich damit.
Nicht nur nach großen Wirbelstürmen wie "Sandy" fällt in den USA öfter mal der Strom aus. Die Menschen arrangieren sich damit.Foto: dpa

Meine Zeitung hat mich für drei Monate in die USA geschickt, um über das Land und die Wahlen zu berichten. Meine Familie – Frau und zwei Mädchen, acht und neun Jahre alt - nahm ich mit. Die Kinder wurden hier geboren, sie haben die amerikanische Staatsangehörigkeit. Das schien uns eine gute Gelegenheit, sie mit ihrer Ursprungsheimat vertraut zu machen.
Wie sieht sie aus, diese Heimat?
Um den Visumsantrag für meine Frau und mich auszufüllen, verging ein ganzer Tag. Online mussten wir Dutzende von Detailfragen der Homeland Security beantworten, was ohne vorherige Recherche im Familienarchiv unmöglich gewesen wäre - die genauen Daten unserer früheren USA-Aufenthalte, die Daten von Reisen in andere Länder, für die ein Visum notwendig war, die Adresse der Universität, an der wir vor einem Vierteljahrhundert unseren Abschluss gemacht hatten, die vollständigen Geburtsnamen unserer Großeltern. Wenn man zu lange überlegte und zwischendurch nicht abspeicherte, schaltete sich die Webseite automatisch aus und man musste wieder von vorne anfangen.

Nebenbei bereitete ich mich inhaltlich vor. Ich las Reden von Republikanern, die ihre Landsleute eindringlich vor zu viel Europa und vor zu viel Sozialismus warnten. Denn Europäer haben die längsten Ferien (Deutschland), die meisten Schulden (Griechenland), die höchsten Steuern (Skandinavien), die mächtigste Bürokratie (Brüssel). Europa und Sozialismus: Das las sich in amerikanischer konservativer Rhetorik fast wie ein Synonym.

Die US-Ostküste nach Supersturm "Sandy"
Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.Weitere Bilder anzeigen
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03.11.2012 21:49Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.

Unsere Kinder wollten wir während der drei Monate auf eine staatliche Grundschule schicken. Am Ende der Anmeldungsprozedur wog der Antrag für beide ein knappes Kilogramm. Unser Kinderarzt musste uns sämtliche Impfungen bescheinigen und einige auffrischen, weil im deutschen Impfplan andere Impf-Abstände vorgesehen sind als im amerikanischen. Die Bescheinigungen des Kinderarztes mussten von einem zweiten Arzt beglaubigt werden, der von den US-Behörden offiziell akzeptiert wird. Zu all diesen Terminen musste die gesamte Familie anwesend sein. Benötigt wurden auch übersetzte Zeugnis-Dokumente und Sprachtests.

Zentral für die Schul-Anmeldung der Kinder war ein zweiter Nachweis unseres amerikanischen Wohnsitzes (second proof of residence). Weil wir unser Haus in Alexandria möbliert gemietet hatten, konnten wir aber weder Strom- noch Wasserrechnungen präsentieren, die auf unseren Namen ausgestellt waren. Also versuchten wir, noch vor unsrer Ankunft eine Telefonleitung installieren zu lassen. Das kostete unseren Vermieter noch mehr Nerven als Zeit. Die Sache zog sich über viele Wochen hin.

Pünktlich zu unserer Ankunft hatten wir schließlich einen „second proof of residence“. Die Kinder konnten in die Schule gehen, und ich fuhr zum „Department of Motor Vehicles“ (DMV), um einen amerikanischen Führerschein zu beantragen. Auf der DMV-Webseite von Virginia steht: Wer einen gültigen Führerschein aus Frankreich oder Deutschland hat, kann ihn ohne weitere Tests bei entsprechendem Wohnortnachweis in einen Virginia-Führerschein umwandeln lassen. Was dort nicht steht: Wie lange das dauert. Zwischenzeitlich war meine gesamte Akte verschwunden.
Am ersten Wochenende in unserem Haus in Alexandria zog ein Gewitter auf, kurze Zeit später fiel der Strom aus. Ich fuhr los, um Taschenlampen und Batterien zu kaufen. Doch in jedem Supermarkt winkte man ab. Die elektronische Kasse funktioniere nicht, hieß es, deshalb ließen sich die Waren nicht scannen. Ich versuchte es mit Bestechung: „Hier haben Sie zehn Dollar, bringen Sie mir einfach eine funktionierende Taschenlampe.“ – „Das geht nicht, Sir, wir haben unsere Vorschriften.“ Zum Glück half mir schließlich ein Einwanderer aus Pakistan in einem kleinen Gemischtwarenladen.

Erneut kamen mir die Warnungen konservativer Amerikaner vor einem Weg in den europäischen Sozialismus in den Sinn, vor einem zu großen Staat und einer übermächtigen Bürokratie. Wie viel Zeit vergeuden Amerikaner aufgrund von Stromausfällen? In Deutschland habe ich in fünf Jahrzehnten noch keinen einzigen erlebt, weil die Leitungen zum größten Teil unterirdisch verlegt sind und es doppelt abgesicherte Vernetzungen gibt. Ja, wir haben länger Urlaub. Aber unsere reale Arbeitszeit ist in Deutschland pro Jahr womöglich länger als in Amerika.
Es stimmt, Amerika wird europäischer. Die Staatsverschuldung steigt, eine gesetzliche Krankenversicherung wird eingeführt, immer mehr Gesetze ersetzen den common sense. Aber warum übernimmt das Land nur die schlechten Seiten Europas? Pünktlich, effizient und organisiert, mit einem funktionierenden Gesundheits- und öffentlichen Bildungssystem: Auch das ist Europa. Man mag es sozialistisch nennen, aber es erleichtert das Leben.

Eine leicht gekürzte Version dieses Beitrags erschien am vergangenen Sonntag in der „New York Times”

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