Politik : Vaclav Havel: Tschechiens bestes Aushängeschild

Ludmila Rakusan

Am 5. Oktober wird Vaclav Havel 65 Jahre alt, doch eine Geburtstagsfeier wird es auf der Prager Burg nicht geben. Jahrelang wies der tschechische Präsident die Weltöffentlichkeit eindringlich auf die Probleme der globalen Zivilisation hin, denen nur durch gemeinsames Handeln beizukommen ist. Nach dem 11. September werden seine Mahnungen selbst denjenigen unter seinen Landsleuten plausibel, die Havels Worte als Moralisten-Geschwätz abtaten. Nach Feiern ist nun niemandem zumute.

Allerdings bewies Vaclav Havel in seinen zwölf Jahren als zunächst tschechoslowakisches und dann tschechisches Staatsoberhaupt, dass er seine Ideale in praktische Politik umzusetzen weiß: Die Nato-Osterweiterung im März 1999 war zu einem großen Teil sein persönlicher Verdienst. Unermüdlich erklärte er in den 90ern Politikern in den USA und Westeuropa, dass die Reformländer unbedingt einen sicherheitspolitischen Anker brauchen, um voranzukommen. Auch in der Diskussion um die EU-Osterweiterung war und ist Vaclav Havel das beste Aushängeschild seines Landes.

Zu Hause jedoch wurde Havels politischer Tatendrang inzwischen stark gedämpft. Noch Anfang der 90er Jahre überhäufte er die Abgeordneten mit Gesetzesvorlagen, um dem nahenden Zerfall der Tschechoslowakei doch noch abzuwenden. Laut Verfassung der selbständigen Tschechischen Republik wurde er 1993 vom Macher zum gelegentlichen Korrektor der tschechischen Gesetzgebung. Er kann sich lediglich weigern, Gesetze zu unterschreiben. Ein Vetorecht besitzt er jedoch nicht. Über die von ihm abgelehnten Vorlagen wird im Parlament einfach nochmals abgestimmt.

An Ruhestand denkt der 65-jährige Havel, der im Herbst 1996 eine gefährliche Lungenkrebsoperation überstand und seitdem oft mit Herz- und Atembeschwerden zu kämpfen hat, dennoch nicht. Seine derzeitige und laut Verfassung letzte Amtsperiode läuft Anfang 2003 aus. Danach, betont der Jubilar, wolle er mit seiner Frau Dagmar in Ruhe leben und glücklich sein. Schmunzelnd fügt Havel jedoch hinzu, dass ihm dann dennoch eine Frage durchaus schmeicheln würde: Die nämlich, ob er sich für diese oder jene nationale oder internationale Funktion zur Verfügung stellen würde.

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