Politik : Vadim Tudor: Rumäniens Sehnsucht nach dem starken Mann

Stephan Israel

Vadim Tudor ist mit allen Wassern gewaschen. Während der kommunistischen Ära übte sich der heute 51-Jährige als "Hofpoet". In dieser Funktion schrieb er Lobeshymnen auf Diktator Ceausescu und dessen Gattin Elena. Auch jetzt noch sieht Tudor den Diktator als "großen Patrioten". Nach der Wende gründete er allerdings die ultranationalistische Partei Großrumänien (PRM). Bisher nahm niemand die rassistischen Ausfälle des Parteiführers so richtig ernst. Dies dürfte sich mit dem Vormarsch des Rechtsextremisten und "rumänischen Le Pen" ändern. Das Wahlergebnis von Präsidentschaftskandidat Tudor und seiner großrumänischen Partei wirft schon jetzt Schockwellen über die Landesgrenzen hinaus. Hinter dem Postkommunisten Iliescu, der nach ersten Teilergebnissen 36,5 Prozent erhielt, liegt der Ultranationalist Tudor mit 29 Prozent der Stimmen an zweiter Stelle. Der Liberale Theodor Stolojan folgt ebenso wie der bisherige Premier Mugur Isarescu mit zwölf beziehungsweise rund neun Prozent der Stimmen.

Der Erfolg der rumänischen Rechtsextremisten könnte ausländische Investoren abschrecken und die Beitrittschancen in die Europäische Union weiter verschlechtern, befürchteten Kommentatoren am Montag in Bukarest. Zu Hause befindet sich der Ultranationalist vor allem mit der ungarischen Minderheit in einem verbalen Krieg. Tudor hat schon mal angedroht, mit militärischen Mitteln gegen die "Irredentisten" in Siebenbürgen vorzugehen. Rumänien müsse "mit dem Maschinengewehr" regiert werden. Die Publikationen des Hobbydichters strotzen aber auch vor rassistischen Angriffen auf Juden und Roma, eine andere große Minderheit im Land. Der Sohn eines Schneiders aus Bukarest tritt am liebsten mit lilafarbener Sonnenbrille auf und wirkt wie eine Art Elvis Presley. Der stattliche, rundliche 51-Jährige, der Soziologie und Philosophie unter anderem in Wien studierte, gilt als begnadeter Redner. Alle Mafiosi sollten "in einem Fußballstadion erschossen" werden. Wenn er an die Macht kommt, will er ein "Komitee zur Verfolgung antirumänischer Aktivitäten" gründen. In den Monaten vor der Wahl hat Tudor versucht, sich ein moderateres Image zu verpassen. "Fürchtet euch nicht, es wird keine Diktatur geben", warb er in der Wahlnacht für den zweiten Wahlgang.

Das verarmte Rumänien sucht die Rettung bei einem Postkommunisten und einem rechtsextremen Nationalisten: Das Comeback des 70jährigen Ion Iliescu und seiner Partei der Sozialen Demokratie (PDSR) hatten alle Umfragen vor den Präsidenten- und Parlamentwahlen vom Wochenende prognostiziert. Den Vormarsch von Tudor und der PRM hatte allerdings niemand in diesem Ausmass vorhergesehen. Tudor ist vor allem bei der Jugend sowie innerhalb von Armee und Polizei populär. Er spricht die Kreise in der verarmten und desillusionierten Bevölkerung an, die elf Jahre nach der Wende von einem "starken Führer" träumen, der mit Korruption und Armut aufräumt.

Iliescu, der von 1990 bis 1996 schon einmal Präsident war, wird zur Stichwahl am 10. Dezember gegen Tudor antreten müssen. Für den Favoriten ist der Rechtsaußen paradoxerweise der ideale Gegner. Das nationalistische Schreckensgespenst Tudor wird Iliescu die für die absolute Mehrheit in der zweiten Runde nötigen Wähler zutreiben. Der Postkommunist Iliescu wird sich gegenüber den Anhängern der gescheiterten bürgerlichen Kandidaten Stolojan und Isarescu nun als das "kleinere Übel" präsentieren können.

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