Van Rompuy : Stiller Haikufreund und Kompromisssucher

Der neue EU-Ratspräsident Van Rompuy drängte sich nicht nach vorn. Er qualifizierte sich in Belgien als erfolgreicher Vermittler.

 Albrecht Meier
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Angekommen. Der belgische Premierminister Herman Van Rompuy am Donnerstag bei seiner Ankunft im EU-Ratsgebäude. Foto: ReutersX00380

BerlinWenn man auf den Straßen von Brüssel fragt, wer Herman Van Rompuy ist, erntet man häufig Kopfschütteln. Der 62-Jährige Flame hat selbst in der eigenen Heimat keinen allzu hohen Bekanntheitsgrad – obwohl er doch seit dem vergangenen Dezember versucht, als belgischer Regierungschef das Verhältnis zwischen Flamen und Wallonen wieder zu kitten. Und das ziemlich erfolgreich. Nun wird er ein anderes Amt in Brüssel ausfüllen – er wird ständiger EU-Ratspräsident. Das beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU am Donnerstagabend.

Anders als seinem Vorgänger Yves Leterme ist es ihm gelungen, in seinem Heimatland, das durch den Sprachenstreit zwischen französischsprachigen Wallonen im Süden und den Flamen im Norden zerrissen ist, wieder Ruhe einkehren zu lassen. Der Christdemokrat Van Rompuy steht einer Fünf-Parteien-Koalition vor, in der Vertreter aus beiden Sprachgemeinschaften eingebunden sind.

Lange galt der 1947 in Brüssel geborene Van Rompuy als eine Art graue Eminenz im Hintergrund der belgischen Politik. Erst vor einem knappen Jahr gab er dem Drängen seiner christdemokratischen Parteifreunde im niederländischsprachigen Norden des Landes nach und übernahm das Amt des Regierungschefs. 1975 war er Berater des damaligen Premierministers Leo Tindemans geworden, von 1988 bis 1993 war er Vorsitzender der Christlichen Volkspartei. Anschließend war er sechs Jahre lang stellvertretender Premierminister und Haushaltsminister. Als Budgetminister gelang es ihm, die belgische Staatsverschuldung drastisch zurückzuführen.

Nach seiner Ministerzeit als Mitglied des Kabinetts des damaligen Regierungschefs Jean-Luc Dehaene musste Van Rompuy in diesem Jahrzehnt vor allem die Oppositionsbank drücken. Erst im Juli 2007 geriet er wieder ins Scheinwerferlicht, als er zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt wurde. Von dort war es für ihn nicht mehr weit bis ins Amt des Premierministers: Die nötigen Vorkenntnisse brachte Van Rompuy für dieses Amt in jedem Fall mit – neunmal war er als Unterhändler seiner Partei dabei, als in Belgien neue Regierungen gebildet wurden.

Trotz dieser Erfahrung erklärte sich der Christdemokrat am Ende vergangenen Jahres erst nach längerem Zögern bereit, das Amt des Regierungschefs zu übernehmen. Van Rompuy, der Betriebswirtschaft und Philosophie studierte, drängt sich nicht in die Öffentlichkeit. Der Vater von vier Kindern, der in seiner Freizeit Haiku-Gedichte verfasst, soll auch zunächst ungläubig reagiert haben, als sein Name für das Amt des EU-Ratspräsidenten ins Spiel kam. Dabei war es wohl gerade seine Fähigkeit zum Ausgleich, die ihn in den Augen seiner europäischen Amtskollegen zum geeigneten Kandidaten für das Amt des ständigen Ratspräsidenten macht.

Deshalb kam die Entscheidung, dass Van Rompuy nun das neue Brüsseler Amt antritt, am Donnerstag nicht mehr überraschend. Schon am Vortag des EU-Sondertreffens hatte der deutsche Botschafter in Belgien, Reinhard Bettzuege gesagt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel Van Rompuy unterstütze. An Berlin werde es nicht liegen, falls der Flame doch nicht zum Zuge kommen sollte, sagte der Diplomat. Die Kanzlerin und Van Rompuy hätten Achtung voreinander, sagte Bettzuege – und außerdem gehörten sie ja zur gleichen europäischen Parteienfamilie. Dass die Kanzlerin Van Rompuy gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy unterstützte, liegt auch in der europäischen Logik, der zufolge die Rolle der kleineren EU-Länder von den „Großen“ nicht ignoriert werden darf.

In den letzten Tagen hat Van Rompuy seinen Abschied aus der belgischen Politik schon vorbereitet. So besprach er sich mit König Albert II. und berichtete anschließend dem belgischen Parlament: „Wir haben darüber gesprochen, was wir machen, wenn heute Abend eine Entscheidung fällt. Ich erlebe das alles mit gemischten Gefühlen, weil ich auch hier in Belgien Verpflichtungen habe.“

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