Vatikan : Papst kritisiert Fortschrittsglauben

Benedikt XVI. veröffentlicht seine zweite Enzyklika – diesmal über die christliche Hoffnung. Er wendet sich in dem 64 Seiten langen Dokument gegen Fortschrittsglauben, Weltanschauungen und Wissensschaft als Ersatz für das Christentum

Martin Gehlen
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Papst Benedikt XVI. -Foto: AFP

Rom/Berlin - Die christliche Hoffnung als Weg aus der Glaubenskrise steht im Mittelpunkt der zweiten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. In dem am Freitag veröffentlichten Lehrschreiben „Spe salvi“ (Gerettet durch die Hoffnung) betont das katholische Kirchenoberhaupt, dass der Mensch Gott braucht, „sonst ist er hoffnungslos“. Die Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, könne gelebt und angenommen werden, „wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können“, schreibt der Papst.

Gleichzeitig wendet er sich in dem in deutscher Übersetzung 64 Seiten langen Dokument gegen Fortschrittsglauben, Weltanschauungen und Wissenschaft als Ersatz für die christliche Glaubenshoffnung. „Der Fortschritt bietet unzweifelhaft neue Möglichkeiten zum Guten, aber er öffnet auch abgründige Möglichkeiten des Bösen, die es ehedem nicht gab“, heißt es in der Enzyklika. Der Papst fordert eine Selbstkritik der Neuzeit, in die aber auch „eine Selbstkritik des neuzeitlichen Christentums eingehen“ müsse.

Ausdrücklich erwähnte er als Beispiel für den Weg der Moderne den Renaissance-Philosophen Francis Bacon, der die Wiederherstellung des verlorenen Paradieses nicht mehr vom Glauben an Christus, sondern von dem Glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt erwartet habe. Karl Marx wirft der Papst als „grundlegenden Irrtum“ vor, in seinem Denken den Menschen und seine Freiheit vergessen zu haben. „Er glaubte, wenn die Ökonomie in Ordnung sei, sei von selbst alles in Ordnung. Wenn aber dem technischen Fortschritt nicht Fortschritt in der moralischen Bildung des Menschen, im ,Wachstum des inneren Menschen‘ entspricht, dann ist er kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung für Mensch und Welt.“ So habe die Russische Revolution nicht „die heile Welt freigelegt, sondern trostlose Zerstörung hinterlassen“.

Benedikt erinnert in der Enzyklika die Christen an „die große Hoffnung, die alles andere überschreiten muss“. Die große Hoffnung könne aber nur Gott sein. Die Christen müssten neu lernen, „worin ihre Hoffnung wirklich besteht, was sie der Welt zu bringen und nicht zu bringen haben“.

Die Hoffnung auf das ewige Leben sei für viele heute gar nicht mehr erstrebenswert, schreibt Benedikt weiter: „Weiterleben scheint eher Verdammnis als ein Geschenk zu sein.“ Dem hält der Papst entgegen, dass Ewigkeit jedoch keineswegs eine „Abfolge von Kalendertagen“ sei, sondern vielmehr der erfüllte Augenblick: „Es wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt“, heißt es in dem Dokument.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, würdigte die neue Enzyklika als „großes und eindrucksvolles Dokument des katholischen und weithin auch des christlichen Verständnisses über die Hoffnung“.

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ bezeichnete die Enzyklika als „eindrucksvolles Dokument“, fragte aber gleichzeitig, warum der Papst keinerlei Bezug auf das Zweite Vatikanische Konzil genommen habe, bei dem es doch auch um die Hoffnung gegangen sei. Der Papst hatte vor zwei Jahren seine erste Enzyklika „Deus Caritas Est“ dem Thema Liebe gewidmet.

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