Politik : Vatikan: Vorsprung für die Konservativen

Werner Raith

Noch rätseln die Auguren rund um den Vatikan: Wie genau werden die Gewichte zwischen den verschiedenen Fraktionen der zur Papstwahl berechtigten Kardinäle nach den neuen Beförderungen am Heiligen Stuhl aussehen? Doch da sind die ersten Aspiranten bereits aus den Startlöchern geprescht. Allen voran Kardinal Camillo Ruini, Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, Generalvikar von Rom und damit Stellvertreter des Papstes in Italien: Am Wochenende hatte Johannes Paul II. den engsten Mitarbeiter Ruinis, Giovanni Battista Re, zum Präfekten der Bischofskongregation ernannt und ihm damit die Vollmacht zur Auswahl aller Kardinäle erteilt.

Und nun fühlt sich Mentor Ruini so stark, dass er nur wenige Stunden nach der Ernennung Res während eines Besuchs in Turin zu einem fulminanten Rundumschlag gegen die gesamte italienische - und zu Teilen auch internationale - Politik ansetzte. "Ruini gegen alle", befand "la Repubblica", und "il manifesto" titelte regelrecht konsterniert "Camillo als Premier".

Staatliche Förderung katholischer Schulen in mindestens demselben Maße wie die staatlichen forderte er, das sofortige Ende aller Diskussionen um mögliche Genmanipulationen am Embryo - mit direktem Bezug zu dem in dieser Hinsicht eher liberalen Gesundheitsminister Carnevale -, auch eine Neuorientierung der Immigrationspolitik.

Ein stockkonservatives Programm

Dabei näherte sich stark der bisher eher als minoritär eingeschätzten Position des reaktionären Kardinals Biffi von Bologna an, wonach man Zuwanderer vorrangig aus katholischen Ländern aufnehmen sollte. Und selbstverständlich verdammte er auch Länder, die, wie Holland, Verbindungen Homosexueller der traditionellen Ehe gleichstellen und gar Adoptionen zulassen. Einziger Lichtpunkt, so Ruini: dass in Italien derzeit wieder mehr Kinder geboren werden als in den letzten Jahren.

Alles in allem ein stockkonservatives Programm, das aber den neuen Gewichten in den Führungsgremien der katholischen Kirche durchaus entgegenkommt. Der 64jährige Re, der nun die in den nächsten Monaten anstehenden Kardinals-Ernennungen vorbereiten und damit die Weichen für die Zusammensetzung des nächsten Konklaves zur Wahl eines neuen Papstes stellen wird, stärkt die sogenannte "Kurien-Fraktion", jene Gruppe von Purpurträgern, die einen weiteren Ausbau der römischen Zentralgewalt über die gesamte katholische Kirche befürwortet. Diese wird dann wohl schnell dafür sorgen, dass die noch immer vorhandenen Anhänger der beim II. Vatikanischen Konzil eingeleiteten "Demokratisierung" der Kirche und eine "Kollegialisierung" ihrer Führung immer mehr in die Minderheit geraten.

So sollen neben einigen ausländischen Erzbischöfen (wie die von London und New York, beides eher konservative Nachfolger progressiver Vorgänger) vor allem weitere Kurien-Monsignori, die ihre traditionelle Prägung unter Beweis gestellt haben, zu Purpurträgern ernannt werden: so etwa der Portugiese Martins von der Kongregation zur Heiligsprechung, der mitverantwortlich ist für die soeben erfolgte, nahezu überall abgelehnte Seligsprechung des antimodernistischen, autoritären Papstes Pius IX.. Dazu der Pole Grocholewski von der Kongregation zur katholischen Erziehung - vor allem aber der Spanier Herranz von der Justizkommission des Vatikan: er wäre das erste Mitglied des höchst umstrittenen erzkatholischen Eliteordens Opus Dei, das in das allerhöchste Führungsgremien der Katholiken aufrücken würde.

All diese Neuen stehen fortan unter direktem Einfluss des neuernannten päpstlichen "Personalchefs" Re aus Brescia. Die erneute Wahl eines Italieners auf den Stuhl Petri, bis vor kurzem eine eher als unwahrscheinlich geltende Hypothese, rückt unter diesen Umständen damit wieder in greifbare Nähe - und der konservative, wenn auch nicht ganz reaktionäre 69jährige Kardinal Ruini wäre dann einer ihrer "Papapili", der Top-Kandidaten.

Dass er wegen mehrerer Bypass-Operationen als gesundheitlich angeschlagen gilt, kann ihm dabei sogar förderlich sein: Nach einer immer wieder beobachteten Tradition der katholischen Kirche wünschen sich ihre Oberhirten nach einem langjährigen Pontifikat am liebsten einen nur kurzzeitig regierenden "Übergangs"-Papst, unter dessen Ägide sich die theologischen Gewichte wieder einpendeln und sich die jüngeren Nachrücker erst einmal fürs hohe Amt profilieren können.

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