Vattenfall : "Der Austausch von Personen reicht nicht"

Auch nach der Entlassung zweier Manager kommt der AKW-Betreiber Vattenfall nicht aus der Schusslinie. Die beiden geschassten Mitarbeiter seien nur "Bauernopfer", beklagen Umweltverbände. Am Sicherheitsproblem werde sich damit nichts ändern.

Bernd Röder[dpa]

BerlinNoch am Tag zuvor schien man sich bei Vattenfall Zeit lassen zu wollen. Für personelle Entscheidungen sei es "noch zu früh", ließ der Chef des schwedischen Energiekonzerns, Lars Göran Josefsson, wissen. "Mögliche Konsequenzen" aus der missglückten Informationspolitik bei der deutschen Tochter nach den Pannen in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel würden erst noch besprochen, hieß es aus der Zentrale in Stockholm. Dann ging doch alles viel schneller als erwartet: Der Chef der Atomsparte, Bruno Thomauske, und der Leiter der Konzernkommunikation, Johannes Altmeppen, mussten am Montag gehen.

Denn 18 Tage nach dem Brand eine Trafostation in Krümmel war im übertragenen Sinn noch immer Feuer unterm Dach. Thomauske musste sich des Vorwurfs erwehren, zu spät über die Pannen im Kraftwerk informiert zu haben. Bedienungsfehler wurden zunächst verschwiegen, Details wie fehlerhafte Dübel erst Tage später veröffentlicht. Zuletzt entstand der Eindruck, dass der verantwortliche Reaktorfahrer des Unglückstages unangenehmen Fragen der Staatsanwaltschaft entzogen werden sollte. Altmeppen wiederum vermochte es nicht, den Konzern in der Außendarstellung aus der Defensive zu führen.

"Das Problem ist die mangelhafte Sicherheitskultur"

Kritikern hat es bis zum Rauswurf der beiden Spitzenkräfte allerdings viel zu lange gedauert. Und die Reaktion werde der Schwere der Versäumnisse noch nicht gerecht, halten sie dem Unternehmen vor. "Der Austausch von Personen reicht nicht. Das Problem bei Vattenfall ist die mangelhafte Sicherheitskultur", sagt etwa die Atomexpertin des Umweltverbandes BUND, Renate Backhaus. Nach den schweren Störfällen in Brunsbüttel 2001 und im schwedischen Forsmark 2006 sei ebenfalls Personal ausgewechselt worden. Am Sicherheitsproblem habe sich dadurch nichts erkennbar geändert.

Ähnlich unzufrieden äußerten sich die Grünen im Bundestag, die Thomauske als "Bauernopfer" sehen. Greenpeace stimmte mit ein: "Fehler im Organisationsablauf sind passiert. Dafür muss jemand gerade stehen. Aber das grundsätzliche Problem ist nicht gelöst. Vattenfall betreibt mit Brunsbüttel und Krümmel alte und störanfällige Atomkraftwerke."

Die Einschätzungen darüber, wie groß die Gefahren sind, die von den beiden Meilern ausgehen, dürften weiterhin auseinander gehen. Auf allen Seiten unstrittig ist jedoch, dass bei Pannen und Störfällen in Atomanlagen die Information der Öffentlichkeit in Scheibchen nicht tolerabel ist. Das Bundesumweltministerium erwartet von Vattenfall Europe einen Kurswechsel.

Experten sollen "verloren gegangenes Vertrauen" wiederherstellen

Vattenfall belässt es deshalb auch nicht bei personellen Konsequenzen, sondern will die Vorgänge unabhängig von den Untersuchungen der Behörden von einer Gruppe hochrangiger Vertreter aus Technik und Wissenschaft analysieren lassen. Deren Empfehlungen sollen dann in die Tat umgesetzt werden. So wolle der Konzern "verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen".

Dass das Vertrauen nachhaltig gestört ist, zeigt die jüngste Entwicklung in der Strombranche: Die Kunden wechseln in verstärktem Maße zu Anbietern von Ökostrom. Außer einer Abneigung gegen Atomenergie dürfte dabei auch die Preiserhöhung zum 1. Juli der Auslöser gewesen sein. Wenn die Abwanderungswelle anhält und die bislang glänzenden Geschäftszahlen nicht mehr stimmen, könnte am Ende auch der deutsche Konzernchef Klaus Rauscher in die Bredouille geraten. Dann sieht sich womöglich der Schwede Josefsson zum Handeln gezwungen, und die "Bauernopfer" wären nur ein Anfang gewesen.

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