Politik : VEB Jalousie

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der 14. August 1989 ist in der kurz darauf abgeschlossenen Geschichte der DDR einer der letzten Glanztage gewesen. Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland und Vorsitzende des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, nahm im VEB Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx“ Erfurt das erste Muster eines 32-Bit-Mikroprozessors entgegen. Im Weltmaßstab war der Kleinstrechner nichts Besonderes, National Semiconductors in den USA hatte schon 1981 so ein Ding fertig. Die Erfurter lagen also um Lichtjahre zurück. Für DDR-Verhältnisse war der Chip trotzdem ein kleines Wunder, genauso wie der 1-Megabit-Speicherchip U 61000, der dem Generalsekretär usw. Erich Honecker im Jahr zuvor überreicht worden war. Der volkseigene Spott hat die Sache damals prompt erfasst. Die DDR, lautete die populäre Replik auf die amtlichen Jubelmeldungen, habe „den ersten begehbaren Mikrochip der Welt“ erfunden.

Wenig später war Schluss mit der DDR. Seither haben wir uns gefragt, wo die VEB-Mega-Chips gelandet sind. Inzwischen dämmert es uns. Nicht nur in vielen Presse-Häusern hinter den Linden, auch in Abgeordnetenbauten wie dem Paul-Löbe- Haus sind an den großen Glasfassaden Jalousien angebracht. Die gehen bei Sonne runter und bei bewölktem Himmel hoch. Und zwar alle gleichzeitig, ganz egal, ob die Büro-Insassen das wollen oder nicht. Die Anweisung gibt nämlich ein elektronisches Zentralkomitee. Und da, wir sind sicher, da drin stecken die DDR-Chips. Der Honecker hat an jenem 14. August eben doch Recht gehabt: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“

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