Politik : Venezuela will Ölförderung ausweiten

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Berlin/Montevideo Venezuela ist der fünftgrößte Öl-Exporteur weltweit – und, trotz aller politischen Verstimmungen, nach Kanada, Mexiko und Saudi-Arabien der viertwichtigste Lieferant für den Erdölverbrauchsweltmeister USA: 15 Prozent ihrer Ölimporte beziehen die Vereinigten Staaten aus Venezuela, 1,5 Millionen Barrel täglich. Jetzt hat Venezuelas Staatschef Hugo Chavez angekündigt, die Erdölförderung in den kommenden fünf Jahren auf fünf Millionen Barrel täglich auszuweiten. Ein Schritt, der die angespannte Lage auf den Ölmärkten entspannen könnte? Experten bezweifeln das.

Venezuela besitzt die achtgrößten Öl- und Gasreserven der Welt. Im Orinoko-Delta liegen Expertenschätzungen zufolge 300 Milliarden Barrel Leicht-, Schwer- und Schwerstölreserven unter der Erde. Die sollen jetzt erschlossen werden. Dafür wären jedoch riesige Anfangsinvestitionen in Höhe von 56 Milliarden Dollar allein bis 2012 nötig. „Dem staatlichen Ölkonzern PdVSA fehlen dazu schlicht die Mittel“, sagt Volkswirt und Lateinamerikaexperte Horst Schöneborn von der WestLB in Düsseldorf. 2004 erwirtschaftete die PdVSA zwar 63,2 Milliarden Dollar Gewinn. Doch wohin fließt das Geld? Dank einiger Eingriffe in das Zentralbank-Gesetz liefert das Erdöl-Monopol seine Gewinne direkt an die Regierung ab: Die Erdöleinnahmen machen 80 Prozent der Deviseneinnahmen und die Hälfte des Staatshaushaltes aus.

Die PdVSA selbst hat also kaum Spielraum für Investitionen. Chavez appellierte deshalb an ausländische Firmen, auf Venezuelas Erdöl zu setzen. Doch haben sich die Bedingungen für private Unternehmen aus dem Ausland zuletzt eher verschlechtert, sagt Schöneborn. So sollen sie nur noch als Joint Ventures operieren, die die PdVSA mit 51 Prozent kontrollieren soll. „Wenig hilfreich“ nennt Schöneborn zudem, dass Firmen aus dem Ausland ihre Gewinne künftig nicht mehr mit 34, sondern 50 Prozent versteuern sollen. Die angestrebte Ausweitung der Ölförderung werde deshalb ausbleiben, so Schöneborns Erwartung, der Ölpreis wahrscheinlich unbeeinflusst.

Ob mit oder ohne Ausweitung der Förderung – Chavez wird die Ölmilliarden weiterhin für seine Petrodiplomatie nutzen, mit der Venezuela seine politische und wirtschaftliche Stellung in der Region stärken will. „Die Energiepolitik ist der Schlüssel zur Finanzierung der venezolanischen Innen- und Außenpolitik“, sagt Klaus Bodemer, Direktor des Instituts für Iberoamerika-Kunde (IIK) in Hamburg. Sie liefert das Geld für Chavez’ populäre Sozialpolitik: kostenlose Gesundheitsversorgung, Alphabetisierung, Wohnungsbau für die Armen. „Und sie ist eine strategische Waffe: um dem Streben der USA nach einer Freihandelszone die Integration Südamerikas entgegenzustellen.“ Bleibt der Ölpreis auf dem aktuell hohen Niveau, fließen Chavez weiter Milliarden zu, mit denen er sich – durch Vorzugsbehandlung – unter seinen Nachbarn ein günstiges Umfeld schafft. mis/swe

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