Politik : Verantwortung los

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

„Habent sua fata libelli“, sagt der Lateiner, aber nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, auch einzelne Wörter und Sätze. Manchen sieht man nach einiger Zeit gar nicht mehr an, als was sie auf die Welt gekommen sind – wettergegerbt, vom Schicksal gebeutelt, aus dem Zusammenhang gerissen, wie sie heute sind. Nehmen wir „verantworten“. Es stammt ab vom spätmittelhochdeutschen „verantwürten“, was damals ein Terminus technicus der Gerichtssprache war und sich auf den Angeklagten bezog, der sich seiner Untaten – nun, eben zu verantwürten hatte. Wer sich ein bisschen auskennt in der Justizpraxis des 14. Jahrhunderts, der weiß: Das war aus Sicht des Delinquenten eine ernste Sache. Der Satz „Ich übernehme die Verantwortung“ konnte, leicht dahingesprochen, ein kapitaler Fehler sein – „kapital“ nämlich kommt vom lateinischen „caput“, dem Kopf. Wir ersparen uns Details.

Der besagte Satz hat bis ungefähr Ende des vorigen Jahrhunderts diese seine ursprüngliche Bedeutung beibehalten, indem er nämlich gar nicht mehr des Nachsatzes bedurfte „. . . und trete von meinen Ämtern zurück“, sondern gleichbedeutend mit der Rücktrittserklärung war. Dann kam erst die Ära von Helmut „Aussitzer“ Kohl und anschließend die Spaßgesellschaft, und jetzt haben wir den Salat: „Ich übernehme die Verantwortung“ bedeutet nichts mehr. Leergesaugt von Polit-Vampiren, eine Hülle ohne Inhalt. Die übernächste Generation wird den Satz nur noch als rituelle Formel kennen lernen, die frisch gebackene Minister zu ihren Vorgängern sagen, wenn sie ihr neues Büro beziehen. Bedeuten wird er weiterhin nichts. Mit Verantwortung will sich ja keiner übernehmen.

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