Politik : Verborgene Zeugin

Opfer des Massakers von Dudschail berichtet weinend im Prozess gegen den irakischen Ex-Präsidenten

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Bagdad - Im Prozess gegen den irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein haben am Dienstag erstmals zwei Frauen ausgesagt, eine von ihnen schilderte brutale Haft- und Verhörmethoden der Sicherheitsbeamten des früheren Diktators. Unter Tränen berichtete die Zeugin, wie sie einst von den Schergen des Regimes gedemütigt und mit Elektroschocks gefoltert worden war. Selbst der frühere Parteifunktionär Ali Daim Ali, einer der sieben Mitangeklagten des Ex-Diktators, kämpfte auf der Anklagebank mit den Tränen, als die Irakerin berichtete, wie Kinder im Gefängnis misshandelt wurden. Saddam verzog keine Miene.

Die Zeugin, die in dem Bagdader Gerichtssaal aus Sicherheitsgründen nur mit „Alif“ (der erste Buchstabe des arabischen Alphabets) angesprochen wurde, saß während ihrer Aussage hinter einem grauen Vorhang. Ihre Stimme wurde technisch verzerrt. Nach einer ersten Befragung erlaubte der Vorsitzende Richter den Angeklagten jedoch, das Gesicht der Frau aus Dudschail zu sehen. Die Kameras der TV-Sender, die den Prozess zeitverzögert ausstrahlen, wurden vorher ausgeschaltet.

Im Verfahren berichtete die Zeugin von ihrer Festnahme während des Massakers von Dudschail im Jahr 1982, für das Saddam und seine ehemaligen Getreuen vor Gericht stehen. Zusammen mit Dutzenden weiteren Familien sei sie als 16-Jährige verhaftet, von Sicherheitsbeamten geschlagen und mit Elektroschocks gequält worden, sagte sie. Außerdem deutete sie mehrere Vergewaltigungen an. Damals waren Dutzende von Frauen und Mädchen im Gefängnis vergewaltigt worden. Viele von ihnen haben aus Scham nie darüber gesprochen. Die Zeugin „Alif“ sagte bei ihrem Bericht darüber, wie man sie gefoltert hatte: „Er zwang mich, mich auszuziehen, dann hob er meine Beine hoch und quälte mich mit Elektroschocks.“ Sie sei insgesamt vier Jahre lang in drei verschiedenen Haftanstalten festgehalten worden, darunter dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad, sagte die Zeugin weiter. Als eine schwangere Verwandte in Abu Ghraib ihr Kind zur Welt brachte, seien die anderen Frauen daran gehindert worden, ihr zu helfen; das Kind sei gestorben.

Die Identität der beiden Frauen wurde aus Sicherheitsgründen geheim gehalten und lediglich der Verteidigung mitgeteilt. Wegen technischer Probleme musste die Sitzung während der Aussage von Zeugin A kurz unterbrochen werden, die Aussage von Zeugin B – eine 74-Jährige, die nach eigenen Angaben 1981 festgenommen worden war – wurde gar nicht für die Öffentlichkeit übertragen. Die Anwälte Saddam Husseins nahmen die erste Zeugin nach ihrer Aussage ins Kreuzverhör. Saddam Hussein verfolgte den vierten Prozesstag ohne sichtliche Regung und machte sich Notizen. Ihm und seinen sieben Mitangeklagten droht bei einem Schuldspruch die Todesstrafe. dpa

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