Verbraucher : Datenschützer: Alle Adressen im Umlauf

Wurden 20 Millionen Kontodaten illegal genutzt? Datenschützer warnen besonders Senioren vor dem Missbrauch ihrer Daten.

Berlin/Kiel - In Deutschland sind nach Einschätzung von Datenschützern die Adressen von allen Bundesbürgern für Marketing- und Verkaufszwecke im Umlauf. Zugleich vagabundierten derzeit illegal etwa 10 bis 20 Millionen Kontodaten, sagte der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, der „Süddeutschen Zeitung“. Die Daten würden insbesondere von Callcentern zunehmend für dubiose Geschäftspraktiken genutzt. Die Informationen würden zum Beispiel bei Glücksspielen und Preissauschreiben abgeschöpft, aber auch bei Verkaufsbörsen im Internet. Für Weichert stehen die Behörden bei der Aufdeckung des Datenmissbrauchs erst am Anfang.

Der „Zeit“ sagte Weichert, Senioren sollten sich vor Datenmissbrauch besonders in Acht nehmen. Denn ihre persönlichen Daten seien bei Telefonvermarktern und somit auch im Adresshandel begehrt. „Es gibt eine Vorliebe dafür, ältere Menschen anzurufen“, sagte der Kieler Datenschutzbeauftragte. Oft gehe es dabei um Lotto-Verträge, Zeitschriftenabos und Verträge für den Internetzugang.

Eine Rentnerin aus Wolfsburg ist gleich 14 Mal Opfer eines Datenmissbrauchs geworden. Insgesamt 932 Euro hatten 14 verschiedene Internetfirmen – darunter auch Glücksspielanbieter – illegal vom Konto der 77-Jährigen abgebucht, wie die Polizei am Mittwoch mitteilte. Die Frau selbst besitzt keinen Internetzugang.

Der Telekom wurden vom NDR und vom WDR, die zu Fällen missbräuchlicher Verwendung von Telekom-Kundendaten recherchiert hatten, Daten einschließlich Kontonummern von rund 50 Kunden sowie Namen von mutmaßlichen Tätern übermittelt. Das Unternehmen will Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs stellen.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) will mit Experten über Konsequenzen aus dem Datenskandal beraten. Ein Ministeriumssprecher kündigte in Berlin an, Schäuble werde unter anderem mit den Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern und den zuständige Aufsichtsbehörden sprechen, um sich über Ursachen und Gegenmaßnahmen auszutauschen. Das Innenministerium ist in der Bundesregierung federführend für den Datenschutz zuständig.

SPD-Chef Kurt Beck sprach sich für eine „Generalrevision“ aller Datenschutzvorschriften aus. Auf den Prüfstand gehöre der gesamte Datenschutz und der strafrechtliche Bereich, sagte Beck am Mittwoch in Jena. Auch müsse es mehr Transparenz für die Kunden geben. Was man in den vergangenen Tagen erlebt habe, sei nicht hinnehmbar. dpa

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