Verbrechen : Wie geht die Türkei mit Ehrenmorden um?

Am Sonntag wurde in Berlin an den Tod von Hatun Sürücü – ein Ehrenmord – erinnert. Auch in der Türkei gibt es immer wieder ähnliche Fälle. Wie geht das Land mit diesem Thema um?

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Wie schnell Verbrechen als sogenannter Ehrenmord deklariert werden, zeigt der Tod von Medine Memi, einem 16-jährigen Mädchen aus dem ostanatolischen Kahta. Ihre Leiche war Ende vergangenen Jahres in einem Schacht im Hinterhof ihres Elternhauses gefunden worden. Das Mädchen war unter der Erde qualvoll erstickt oder verhungert, wie jetzt bekannt gewordene gerichtsmedizinische Untersuchungen ergeben haben. Schnell verbreitete sich der Verdacht, Medine sei umgebracht worden, weil sie mit fremden Männern gesprochen und damit angeblich die Familienehre befleckt habe. Vieles deutete auf einen „Ehrenmord“ hin.

Doch der Fall lag offenbar anders. Mit archaischen Vorstellungen von Familienehre hatte der Mord an Medine nichts zu tun, sagen Verwandte und eine Frauenrechtlerin. Medine musste sterben, weil sie sich wegen der Brutalität ihres Großvaters und dessen illegaler Aktivitäten an die Polizei wandte – und den Fehler beging, auf den Schutz durch die Behörden zu vertrauen.

Berichte aus Kahta zeichnen das Bild eines jungen Mädchens, das in seinem kurzen Leben ständig unter der Tyrannei ihres Vaters und Großvaters zu leiden hatte. Nicht einmal ein Foto existiere von Medine, berichtete die Zeitung „Hürriyet“ am Sonntag. Medine war eines von zehn Kindern des Bäckers Ayhan Memi. Herr im Haus war aber Ayhans Vater Fethi Memi, Medines Großvater. Der Clan lebte zurückgezogen, die vier Töchter Ayhans kamen kaum aus dem Haus und durften auch nicht zur Schule. Für die Zurückgezogenheit gab es laut Zeitungsberichten gute Gründe: Sein Geld verdiente Bäcker Ayhan nicht so sehr mit Brötchen, sondern mit dem Schmuggel von Zigaretten, Tee und Kölnisch Wasser, das in der Türkei als Erfrischungsessenz allgegenwärtig ist.

Fethi Memi schlug seine Enkelin häufig, doch Medine fügte sich nicht in ihr Schicksal – sie ging zur Polizei. Sie erzählte den Beamten von den Schlägen und illegalen Waffen im Haus. „Keine Sorge, wir sind der Staat. Sie können dir nichts tun“, sollen die Polizisten der jungen Informantin gesagt haben. Doch die Beamten hielten ihr Wort nicht. Fethi Memi bekam im vergangenen Herbst zwar Ärger mit der Justiz, blieb aber auf freiem Fuß. Als er erfuhr, dass er von seiner Enkelin verpfiffen worden war, verprügelte er sie schlimmer als vorher. Dabei soll Medine mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen oder eine Treppe hinuntergeworfen worden sein. Das Mädchen wurde bewusstlos. Vater und Großvater dachten, Medine sei tot und steckten sie in einen Schacht im Hinterhof. Das Loch verschlossen sie mit einem Betondeckel. Medine muss aber laut Gerichtsmedizinern noch gelebt haben. Ihre Leiche wurde Anfang Dezember von der Polizei entdeckt, die einen anonymen Hinweis erhalten hatte. Vater und Großvater sitzen in Untersuchungshaft und schweigen zu allen Vorwürfen. Die Bewohner zeigten sich geschockt – von dem Verbrechen und der Vermutung, dass es ein sogenannter Ehrenmord gewesen sein könnte. Schließlich habe es so etwas seit Jahren nicht mehr in der Gegend gegeben, zitierte die Zeitung „Milliyet“ einige Einwohner Kahtas.

Die türkische Öffentlichkeit reagiert insgesamt sensibel auf Berichte über angebliche Ehrenverbrechen, die von vielen Türken als Symbol von Rückständigkeit und Brutalität gesehen werden. Nach Einschätzung von Experten werden in der Türkei jährlich etwa 200 Ehrenverbrechen begangen. Unter den Opfern sind mehr Männer als Frauen, denn Familien bestrafen häufig etwa den mutmaßlichen Vergewaltiger oder Liebhaber einer Tochter mit dem Tod.

Obwohl die altertümlichen Ehrbegriffe auf dem Land generell mächtiger sind als in den Städten und besonders im armen Kurdengebiet in Südostanatolien zu finden sind, haben die großen innertürkischen Fluchtbewegungen wegen des Kurdenkonflikts in den vergangenen Jahrzehnten auch die „Ehrenmorde“ in die Metropolen im Westen des Landes getragen. Selbst bis nach Deutschland reicht der Einfluss dieser Wertvorstellungen, wie nicht zuletzt der Mord an der Berliner Türkin Hatun Sürücü vor fünf Jahren gezeigt hat.

In den vergangenen Jahren hat der türkische Staat sein Vorgehen gegen Ehrenverbrechen erheblich verschärft. Im Zuge der EU-Reformen der vergangenen Jahre schaffte die Türkei unter anderem traditionelle Strafnachlässe für Ehrenverbrechen ab. Zudem sollen sich die Täter nicht mehr hinter der Tatsache verstecken können, dass minderjährige Familienmitglieder mit der Ausführung des Mordes beauftragt werden, weil sie geringere Strafen zu erwarten haben.

Menschenrechtler beklagen allerdings, die Justiz setze die Reform nur zögerlich um. So halten einige Richter bei „Ehrenmord“-Prozessen den Angeklagten nach wie vor zugute, sie seien durch das angeblich unmoralische Verhalten des Opfers provoziert worden. In der Öffentlichkeit werden solche Entscheidungen der Justiz scharf kritisiert. Konsens besteht auch in der Ansicht, dass mehr Bildung und mehr Arbeitsplätze für Frauen dazu beitragen können, Ehrenverbrechen einzudämmen.

Kampagnen wie eine Aktion zur Einschulung von Mädchen in Südostanatolien sollen zudem die Menschen in den Dörfern daran erinnern, dass sie ihre alten Wertvorstellungen ändern müssen. Diese Veränderung ist schwierig. Nach Einschätzung von Soziologen werden die Täter in ihren Dörfern of nicht als Mörder verdammt, sondern als aufrechter „Ehrenmann“ angesehen.

Wie die Reaktion der Menschen in Kahta auf die „Ehrenmord“-Berichte im Fall Medine zeigen, ist das Ehrenverbrechen auch in Teilen der türkischen Provinz mittlerweile geächtet. In Deutschland wird das Etikett des „Ehrenmordes“ nach einer Studie der Universität Freiburg häufig vorschnell und zu Unrecht verwendet. Bei der Untersuchung wurden 25 abgeschlossene Gerichtsverfahren analysiert, die in den Medien als „Ehrenmorde“ auftauchten. In zehn Fällen habe es sich tatsächlich um einen Mord im Namen der Ehre gehandelt. Die restlichen Morde waren Affekthandlungen.

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