Politik : Verdrängter Brudermord

Dorothea Heintze

Gitele Nadolny war ein schönes junges Mädchen. Ernst schaut sie auf dem Foto mit ihren dunklen Augen in die Kamera. Am 10. Juli 1941 starb Gitele. Erst, so berichten es Zeugen, sei sie erschlagen worden. Anschließend hätten die Mörder den Kopf vom Körper des Kindes abgehackt und damit Fußball auf dem Dorfplatz gespielt. Das Dorf heißt Jedwabne, es liegt im Herzen Polens, in Masowien, einem schönen Landstrich nordöstlich von Warschau.

Ihre Mörder waren keine Soldaten, keine Profikiller oder marodierende Banden: Es waren "ganz normale Menschen", es waren ihre Nachbarn aus Jedwabne. Diese Nachbarn, die meisten von ihnen gläubige Katholiken, ermordeten an diesem Tag nicht nur Gitele, sondern Hunderte jüdischer Mitbürger ihrer Stadt. Männer, Frauen und Kinder wurden gesteinigt und ertränkt, erdolcht und erschossen. Am Ende trieb man die Überlebenden in eine Scheune und verbrannte sie bei lebendigem Leib.

Wie können Menschen, die sich gut kennen, wie können Nachbarn sich so etwas antun? Für den polnisch-amerikanischen Wissenschaftler Jan Tomasz Gross ist diese Frage noch lange nicht geklärt. Vier Jahre lang dauerte es, bis ihm, nach der ersten Lektüre aussagekräftiger Quellen, klar wurde, was in Jedwabne passiert war: Ein Brudermord. Jahrzehntelang waren die Tatsachen vertuscht worden war. Bis zum Frühjahr diesen Jahres stand in Jedwabne eine Gedenktafel mit folgendem Text: "Ort der Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Hier haben Gestapo und Hitlers Gendarmerie 1600 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt." Vor einigen Monaten wurde die Tafel entfernt, am 10. Juli, dem 60. Gedenktag des Massakers, kam der polnische Staatspräsident Alexander Kwasniewski nach Jedwabne und entschuldigte sich für das grausame Verbrechen von Polen an Polen.

Wer den schmalen Band "Nachbarn" von Jan Tomasz Gross in die Hand nimmt, kann kaum glauben, dass die gerade einmal 124 Seiten Fließtext, hinzu kommen noch Fotos und ein Anmerkungsapparat, all dies bewirkt haben. Erst die Lektüre macht klar: dieser Text ist Sprengstoff für die polnische Gesellschaft. Gnadenlos deckt der Autor die Lebenslüge der Kriegs- und Nachkriegsgeneration auf. Ein Drittel der städtischen Bevölkerung Polens bestand vor dem Zweiten Weltkrieg aus Juden, rechnet man die auf dem Lande lebenden Juden dazu, kommt man auf eine Gesamtzahl von über drei Millionen Menschen. 1945 lebten von ihnen noch 250 000. "Kann denn die Auslöschung eines Drittels seiner städtischen Bevölkerung etwas anderes sein als ein zentrales Problem der neueren Geschichte Polens?", fragt Thoams Gross. Fazit seiner Recherche: Die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehung muss neu geschrieben werden.

Als das Buch im Frühling letzten Jahres in Polen erschien, war die erste Auflage binnen weniger Monate vergriffen. Die erhitzte Debatte, die seither in Polen geführt wird, erinnert an die erbitterten Diskussionen rund um die Wehrmachtsausstellung in Deutschland. Hier wie dort geht es nicht nur um Tatsachen, sondern um Emotionen. Gibt es eine Kollektivschuld? Was wussten und wissen die Kinder oder Enkel der Täter? Was wurde absichtlich vertuscht, was vergessen? Jan Gross gießt Öl ins Feuer, greift direkt an: "Natürlich weiß die ganze Bevölkerung von Jedwabne, was sich am 10.Juli 1941 in ihrem Städtchen ereignet hat", schreibt er. Als Präsident Kwasniewski im Juli in dem Ort war, klebten in Schaufenstern Zettel mit der Aufschrift "Wir entschuldigen uns nicht". Auch die katholische Kirche hat sich bisher keine Lorbeeren in der Aufarbeitung dieser schrecklichen Vergangenheit verdient.

Mittlerweile hat eine Untersuchungskommission ihre Arbeit in Jedwabne aufgenommen. Erste Ergebnisse lassen erkennen, dass Jan Gross in verschiedenen Bereichen nicht genau recherchiert hat. Im Buch geht Gross von etwa 1600 Mordopfern aus. Exhumierungsarbeiten von polnischen Historikern zeigen mittlerweile, dass diese Zahl zu hoch gegriffen ist. Gross gibt dies inzwischen selbst zu. Auch über die Rolle deutscher Soldaten wird in Polen heftig gestritten. Standen deutsche SS-Soldaten nur als Beobachter mit der Filmkamera dabei oder haben sie sich an dem Massaker aktiv beiteiligt, gar die Befehle dazu gegeben?

Gross ist kein allwissender Autor: Floskeln und Worte wie "ich glaube", "ich denke" oder "vielleicht" zeigen, dass auch er auf der Suche nach der Wahrheit ist. Gerade diese Zweifel machen die Lektüre des Buches so anrührend. Unbestritten ist: Ein Mord bleibt ein Mord, auch wenn andere mitschuldig wurden.

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