Politik : Vereinte Nationen als Feind

Die UN nehmen die Drohung von Islamisten gegen Generalsekretär Annan ernst und verstärken den Schutz

Frank Jansen

Osama bin Laden hat möglicherweise seine Serie von Drohungen gegen den Westen fortgesetzt – und um eine neue, zynische Variante erweitert. Am Donnerstag wurde auf zwei islamistischen Internetseiten ein Tonband veröffentlicht, auf dem eine Stimme je zehn Kilogramm Gold auslobt für die Ermordung des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, des amerikanischen Zivilverwalters im Irak, Paul Bremer, seines Stellvertreters und von US-Kommandeuren in dem besetzten Land. Genannt wurde auch der UN-Gesandte im Irak, Lakhdar Brahimi. Außerdem bot die Stimme kleinere Mengen Gold für die Tötung von Soldaten und Zivilisten aus Ländern, „die Besitzer eines Vetos sind wie die Amerikaner und Briten“. Damit sind offenbar die Staaten gemeint, die über ein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat verfügen. Außerdem werden 500 Gramm Gold für den Mord an Bürgern der mit den USA im Irak engagierten Staaten versprochen.

Die Vereinten Nationen sehen eine neue Gefahr für Kofi Annan und haben den Schutz für den Generalsekretär verstärkt. Al Qaida hatte schon mehrmals die UN als Instrument des Westens abqualifiziert. Im August 2003 starben bei einem Anschlag auf den Sitz der Vereinten Nationen in Bagdad 23 Menschen. Unter den Toten befand sich der UN-Gesandte Sergio Vieira de Mello.

Die Stimme auf dem Tonband ähnelt der des Al-Qaida-Chefs. Dennoch stand am Freitag noch nicht fest, ob sie tatsächlich von bin Laden stammt. Laut CIA ist das Tonband „wahrscheinlich“ authentisch. In deutschen Sicherheitskreisen waren Zweifel zu hören.

Es sei ungewöhnlich, dass Al Qaida eine materielle Belohnung für Attentate aussetzt, sagte ein Sicherheitsexperte dem Tagesspiegel. Üblicherweise werde den Kämpfern das Paradies versprochen, eine Bezahlung mit Geld oder Gold gelte eigentlich als Zeichen kapitalistischer Dekadenz. Andererseits ist offenbar nicht ganz klar, ob die Stimme auf dem Tonband das Gold potenziellen Attentätern verspricht oder „nur“ ihren Familien. Dies wäre nicht neu: Bin Laden würde Saddam Hussein imitieren, der größere Dollarsummen an die Angehörigen palästinensischer Selbstmordattentäter überwiesen hatte – gestaffelt nach dem „Erfolg“ eines Anschlags auf Ziele in Israel.

Sicherheitsexperten fragen sich allerdings auch, warum Al Qaida es überhaupt nötig haben sollte, Attentäter zu werben – in dem weltweiten islamistischen Terrornetz seien schon tausende Kämpfer aktiv. Allerdings meldete „Spiegel online“ im April, Al Qaida rufe über das Internet junge, zum heiligen Krieg bereite Saudis auf, Zellen zu bilden und den Umgang mit Waffen zu trainieren.

Selbst wenn das Tonband nicht echt sein sollte, machen sich Experten Sorgen: Al Qaida habe so oder so wieder einen Erfolg in der auf Panikmache im Westen zielenden psychologischen Kriegführung erzielt.

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