Vereitelte Anschläge : Terrorverdächtiger führte unauffälliges Leben

Der 28-jährige Kopf der Ulmer Terrorzelle, Fritz G., trat bereits als Jugendlicher zum Islam über. Er studierte, heiratete und ließ sich in einem islamistischen Lager in Pakistan ausbilden. Seine Freunde nannten ihn "Abdallah" - im Alltag blieb der radikale Islamist unerkannt.

Arnaud Bouvier[AFP]

Ulm"Es ist ein echter Schock für die Leute", sagt der Ulmer Bürgermeister Ivo Gönner. Alle hätten zwar gewusst, dass es in der Region Islamisten gebe. Aber niemand habe sich vorgestellt, dass es so weit geht, sagt der SPD-Politiker. Der Ulmer Fritz G. war ein unauffälliger Student, bis er am Dienstag unter dem Verdacht festgenommen wurde, groß angelegte Terroranschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland geplant zu haben. Der 28-Jährige soll sogar der Anführer der drei im Sauerland festgenommenen Islamisten gewesen sein.

Der Schock ist umso größer, da Fritz G. kein Migrant aus einem islamischen Land ist, sondern ein deutscher Konvertit. Medienberichten zufolge wurde er in München geboren, seine Mutter ist Ärztin, der Vater hat ein kleines Unternehmen. Als Jugendlicher trat er zum Islam über. Von seinen Freunden ließ er sich von da an Abdallah nennen. Im Januar heiratete er: eine türkischstämmige Deutsche. Das Paar hatte sich in der Moschee kennen gelernt. Sie lebten in einem Ulmer Wohnviertel, wenige Meter von einem Kindergarten entfernt. Vergangenes Jahr verschwand Fritz G. plötzlich für mehrere Wochen. Er wolle in Syrien Arabisch lernen, erklärte er. Tatsächlich ließ er sich aber offenbar in einem islamistischen Lager in Pakistan ausbilden.

 Al-Qaida-Finanzier in Neu-Ulm

Die Ermittler machen keine Angaben zu diesen Details. Sie bestätigen nur, dass Fritz G. im Islamischen Informationszentrum (IIZ) in Ulm ein und aus ging, das als ein Zentrum militanter Islamisten in Deutschland gilt. An der verschlossenen Tür zu den Räumen in einer ruhigen Straße in der Innenstadt klebt auch nach der Festnahme noch der Aufkleber mit der Aufschrift "Islam ist Frieden". "Wir beobachten diese Szene seit sehr langer Zeit", sagt ein Sprecher des Verfassungsschutzes in Baden-Württemberg. Dort werde der radikale Wahhabismus propagiert, der auf der einen Seite die guten frommen Muslime sehe und auf der anderen die Ungläubigen - schlechte, verabscheuungswürdige Menschen.

Das Pendant des Islamischen Informationszentrums auf der anderen Seite der Donau, in Neu-Ulm, war bis Ende 2005 das Multikulturhaus, ein Gebäude mit Gebetsräumen in einem Industriegebiet. Dort verkehrte unter anderem der Deutsch-Ägypter Reda S., der unter Verdacht steht, an den Bombenanschlägen in Bali beteiligt gewesen zu sein, bei denen vor fünf Jahren 202 Menschen getötet wurden. Auch der Al-Qaida-Finanzier Mamdouh Mahmoud S., ein Sudanese, soll dort gewesen sein. 2005 ließ das bayerische Innenministerium den Treffpunkt schließen, weil dort "Hass gegen die parlamentarische Demokratie, Nicht-Muslime und den Staat Israel" geschürt worden sei. Ein Teil der Klientel des Neu-Ulmer Hauses wechselte daraufhin nach Angaben des Verfassungsschutzes ins Islamische Informationszentrum in der Nachbarstadt. "Einige kamen am Freitag zu uns zum Beten", erzählt Timur Nur über die Besucher des IIZ.

Keiner hatte sich je verdächtig gemacht

Der 18-Jährige sitzt an einem Tisch des kleinen Cafés neben der Moschee der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die vor allem von Türken und Kurden besucht wird. "Wir kannten sie kaum: Guten Tag, Auf Wiedersehen, nicht mehr." Niemand von ihnen sei ihm jemals verdächtig vorgekommen. "Ich selbst bin nur ins IIZ gegangen, um dort Parfum zu kaufen, das kommt aus Saudi-Arabien und ist ohne Alkohol", sagt Nur. Am Mittwoch wurde das IIZ von der Polizei durchsucht, die Beamten beschlagnahmten zahlreiche Dokumente. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) hofft nun, genug belastendes Material für eine Schließung zusammen zu haben.

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