Vereitelte Terroranschläge : Am Ende ein einziger Schuss

Ein Haus im Sauerland: Mitte August wurde es von den drei Terrorverdächtigen gemietet, und am Sonntag versammelten sie sich schließlich darin. Als sie es verlassen wollten, griff die Polizei zu.

Thomas Winterberg[Frank Jansen],Ursula Knapp[Frank Jansen],Hans Monath

Oberschledorn, Karlsruhe, BerlinIrgendetwas haben sie geahnt, sagen sie, seit dieses Wohnmobil vergangene Woche auf der Wiese stand, irgendetwas. Aber das hier, das haben sie nicht geahnt.

Jede noch so winzige Spur soll gesichert werden. Auf dem Sportplatz "Rohwiese" oberhalb des Dorfes ist eine Hundertschaft von Polizisten aufgelaufen. In der Straße "Beuke" versperrt ein grauer Lieferwagen die Sicht auf zwei schwarzgekleidete Polizisten, die mit einem Detektor den Boden absuchen.

"Dort oben", sagt Berthold Dessel und zeigt die Straße hinauf, "sollen sie den Dritten gekriegt haben. Vielleicht suchen sie da nach der Patronenhülse." Dessel ist Vorsitzender des Sportvereins.

Der Dritte. Drei Männer waren unter ihnen, ohne dass sie in Oberschledorn gewusst haben, um wen es sich handelt. Sie hatten sich auch nicht sehr dafür interessiert. Es leben nur 900 Menschen in ihrem , aber sie sind Gäste gewohnt. Es gibt viele Ferienhäuser und Pensionen. Im Sommer kommen Wandertouristen, im Winter die Skifahrern.

Oberschledorn, 900 Einwohner, größter Ortsteil der Stadt Medebach, gelegen im Sauerland in Nordrhein-Westfalen, zwischen den Wintersportorten Winterberg und Willingen. Ein Geschäft, eine Grundschule, eine Tankstelle, zwei Gaststätten, ein paar Betriebe. In eineinhalb Wochen will die Dorfgemeinschaft mit dem "Tag der Region" ein großes Fest ausrichten. Dann hofft sie, endlich einmal wieder positiv in die Schlagzeilen zu kommen. Vor einigen Wochen ist der Schützenhauptman bei Bauarbeiten an der Halle tödlich verunglückt, Tage später starb ein junger Mann bei einem Autounfall, das Schützenfest wurde sogar abgesagt.
Und jetzt die Terroristen im Ort.

Wenig später in Karlsruhe. Generalbundesanwältin Monika Harms und BKA-Chef Jörg Ziercke, die ranghöchsten Vertreter der deutschen Sicherheitsbehörden, entwerfen ein düsteres Bild, ein Panorama der Gewalt.

"Massive Bombenanschläge", Attentate, zeitgleich mit mehreren Autobomben ausgeführt, eine riesige Zahl von Toten mitten in Deutschland. Terroranschläge gegen Einrichtungen der Amerikaner. Ein Inferno, verursacht von islamistischen Terroristen.

Der Sprengstoff, sagt BKA-Chef Ziercke, hätte ausgereicht, um Bomben herzustellen mit einer höheren Sprengkraft als jene, die bei den Anschlägen in Madrid und London verwendet wurden. Und diejenigen, die das geplant haben sollen, sind die drei Männer, die am Dienstagnachmittag in Oberschledorn festgenommen wurden. Harms sagt, sie gehörten einer deutschen Zelle der Terror-Gruppe "Internationale Dschihad Union", kurz IJU an. Laut Augenzeugen hatten etwa 20 mit schwarzen Sturmmasken getarnte Einsatzkräfte der GSG 9 das Haus gestürmt. Einer der drei gesuchten ist durch das Badezimmerfenster geflüchtet, angeblich barfuß.

"Ich war gerade beim Äpfelpflücken im Garten, als ich einen Schuss hörte", erinnert sich Bernd Hellwig. Er wohnt nur ein paar hundert Meter entfernt. "Das Gebäude gehört einem Mann aus Dortmund, der eine Wohnung für sich behalten hat. Der ist nur noch an Wochenenden mal hier und wollte schon verkaufen. Der war neulich noch zu Besuch. Jetzt hatte er offenbar neue Mieter gefunden. Lange sind die noch nicht hier, höchstens ein paar Tage", sagt Bernd Hellwig.

Seit Tagen hätten sie gewusst, dass "irgendwas im Gange ist", sagt Willi Dessel, der Ortsvorsteher. Sie dachten an Autoschieberei, Drogenfahndung oder so etwas. Sie hatten am Wochenende eine Hochzeit mit 340 Leuten in der Schützenhalle. Allen ist der komische Wagen aufgefallen. Sie haben sich gefragt, was der auf der Wiese soll. Sie haben gefragt. Es gehe um die Verbesserung des digitalen Polizeifunks und um Probemessungen, hat man ihnen gesagt.

Jetzt wissen sie es, und das ganze Land weiß es. Und es dauert nicht lang, bis die ersten Schaulustigen in den Ort kommen. Sie schaffen es bis dorthin, wo sich Eichenweg, Mühlheide und Beuke gabeln. Nicht weiter. Die Polizei lässt nur Anwohner durch. Etwa 300 Meter hinter der Absperrung, liegt das Haus Eichenweg 22. Vor den Fenstern sind die Jalousien heruntergelassen, vor dem Haus steht ein grauer BMW mit Berliner Kennzeichen.

Ein konspiratives Versteck, in ihrem Ort. Und drei Männer, die die Ermittler schon seit einigen Monaten im Visier haben. Sie waren vor allem am Silvestertag 2006 schon einmal aufgefallen. Damals war zumindest einer von ihnen, Fritz G. in einem Auto, das die Fahnder beobachteten, auffallend oft um eine US-Kaserne in Hanau herumgefahren. Haben er und seine Mitverdächtigen die Einrichtung für einen möglichen Anschlag ausgespäht? Der Verdacht lag nahe. Also haben die Behörden ihre Recherchen verstärkt. Im März dieses Jahres eröffneten sie ein offizielles Verfahren beim Generalbundesanwalt.

Wann die Männer soweit gewesen wären, den Anschlag zu verüben, ist bisher unklar. Fest steht, sie wollten beginnen, die Chemikalien für eine Bombe vorzubereiten. Ihr Ziel scheint klar. "Einen Anschlag mit möglichst vielen Toten zu verüben", wie ein Beamter sagt.

"Es hätte hunderte Tote gegeben", sagt ein hochrangiger Fachmann bei den deutschen Sicherheitsbehörden am Telefon, die Stimme hebt sich leicht und wiederholt den Satz. "Die wollten Autobomben mit einer Sprengkraft von insgesamt 500 Kilo TNT zünden", sagt er, "in zwei Wellen". Nach einer kleineren Explosion hätte in dem Chaos der flüchtenden Menschen eine Autobombe mit voller Wucht detonieren sollen. Der Fachmann kann nicht anders, als nochmal die hunderte Todesopfer zu erwähnen, die ein solcher Anschlag gefordert hätte. "Das ist die größte Geschichte seit der Schleyer-Entführung", sagt er noch.

Die Islamisten wollten Wasserstoffperoxid einsetzen, einen hochexplosiven Stoff. Sie suchten im Internet nach Chemikalienhändlern, fanden Adressen in Norddeutschland und fuhren hin. Kaufen kann man reines Wasserstoffperoxid allerdings nicht, wegen der Explosionsgefahr. Die Chemikalie wird nur mit zugesetztem Wasser angeboten, als maximal 70-prozentige Lösung. "Die Islamisten wollten das Zeug hochkochen", sagt ein anderer Experte. Das Wasser sollte weitgehend verdampfen, damit fast nur Wasserstoffperoxid übrigbleibt.

Die Mühe hätten sie sich allerdings umsonst gemacht: Die Polizei, die seit Januar die Islamisten observierte, tauschte in einer Geheimoperation die in einer Garage im Schwarzwald gelagerten Kanister aus. Die Terrorzelle merkte nichts und plante weiter den großen Anschlag. Die Sprengsätze in den Fahrzeugen hätten die Terroristen über Handys zünden wollen, sagt ein Fachmann, "wie die Täter in Madrid". Die Terrorzelle hätte schon "eine ganze Ladung Handys" angeschafft, sagt ein Fachmann. Der Bau von Bomben sei zwei der drei Festgenommen in einem Trainingscamp der Islamischen Dschihad Union beigebracht worden. Das Lager vermuten Experten in Pakistan, nahe der Grenze zum Iran. "Da sind die beiden detailliert im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden", sagt ein Fachmann.

In den Schrecken mischt sich Wut. "Das freche konspirative Verhalten" der Islamisten stößt einem Experten auf. Die Terrorzelle der Islamischen Dschihad Union setzte die Vorbereitung von Anschlägen ungerührt fort, obwohl die Polizei im Januar mehrere Wohnungen von Verdächtigen durchsucht hatte, im April die US-Botschaft vor Anschlägen auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland warnte und die Medien über den Fall berichteten. Reporter klingelten bei Terrorverdächtigen der Islamischen Dschihad Union, doch sie ließen sich nicht irritieren. Und machten weiter. Womöglich geben auch die Komplizen nicht auf, die noch auf freiem Fuß sind - insgesamt sieben, irgendwo im Ausland.

Die Geheimdienste ließen durchblicken, dass die Festnahmen im Sauerland mit den jüngsten Anti-Terror-Aktionen in Dänemark "zusammenhängen". In Kopenhagen waren in der Nacht zum Dienstag acht Männer im Alter von 19 bis 29 Jahren unter Terrorverdacht festgenommen worden. Der dänische Geheimdienst habe bei den monatelangen Beobachtungen mit den deutschen Nachrichtendiensten zusammengearbeitet und ihnen Hinweise auf die Terrorverdächtigen in der Bundesrepublik gegeben.

Deutschland ist wegen der bevorstehenden Entscheidungen zur Verlängerung seiner Mandate in den Afghanistaneinsätzen "in besonderer Weise ins Visier der Islamisten gekommen", erläuterten die Geheimdienstler.

Es sei beunruhigend, dass die drei im Sauerland Festgenommenen in pakistanischen Ausbildungslagern waren. Das würde die Vermutungen bestätigen, dass "mehr und mehr aus Pakistan oder von Afghanistan über Pakistan Terroristen in die Bundesrepublik kommen".

Pakistan wird als eine "Hochburg" islamistischer Terroristen angesehen. Dort werden sie ausgebildet und für ihre Einsätze in Europa vorbereitet. Um viertel vor eins sucht der wichtigste deutsche Sicherheitspolitiker in Berlin die Öffentlichkeit. Die Journalisten der Bundespressekonferenz erleben einen braun gebrannten, schnörkellos formulierenden Innenminister, der konzentriert wirkt. In nüchternen Worten dankt der Politiker den Sicherheitsbehörden für ihre gute Arbeit, vermeidet jede zusätzliche Dramatisierung.

Er, der schärfere Sicherheitsgesetze will, weiß genau, dass die Nachricht von dem verhinderten Anschlag eine solche Wucht hat, dass er nicht nachhelfen muss, um die Gegner der von ihm gewünschten Online-Durchsuchung unter Druck zu setzen und weiter in die Defensive zu treiben. Es wäre ohnehin zu durchsichtig.

Neben Schäuble vorne am Pult sitzt mit zusammengepressten Lippen Schäubles Staatssekretär August Hanning. Der frühere BND-Präsident kennt sich gut aus in der internationalen Terror-Szene.

Lange vor der Sommerpause hatten beide Politiker die Medien eingeladen und gewarnt, es gebe "eine neue Qualität der Bedrohung", Deutschland sei "ins Fadenkreuz des internationalen Terrorismus gerückt". Damals ernteten sie noch lauten Widerspruch, SPD-Politiker schimpften, der Innenminister instrumentalisiere die Anschlagsgefahr für seine politischen Ziele. Jetzt widerspricht der Einschätzung niemand mehr. Es ist die Botschaft dieses Tages, dass es eine konkrete Gefahr gibt.

Schäuble ist klug genug, das zu wissen. Von sich aus spricht er die umstrittene Online-Durchsuchungen nicht an. Erst als er gefragt wird. Es ist der Moment, ab dem der Minister beginnt zu gestikulieren.

Er finde nicht, dass es der geeignete Zeitpunkt sei, um diese Debatte zu führen, sagt Schäuble. Aber: "Wenn man sie führt, kann man auf diejenigen hören, die die professionelle Arbeit leisten." Die Chefs der Sicherheitsbehörden rufen bekanntlich laut nach der Erlaubnis, auch in Computern heimlich nach Terrorplänen zu suchen.

Besser hätten die vergangenen 24 Stunden für Wolfgang Schäuble wohl auch nicht laufen können: Auch ohne dass ein Tropfen Blut geflossen wäre, auch ohne einen Anschlag, ist nun bewiesen, was er immer beweisen wollte: Die Gefahr ist da.

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