Vereitelte Torroranschläge : London jagt die Bombenleger

Nach den gescheiterten Anschlägen in London halten deutsche Sicherheitsexperten sogenannte Dschihadisten, die von Al Qaida inspiriert wurden, für die Täter.

Markus Hesselmann[London],Frank Jansen[Berlin]
London
Warten auf Ermittlungserfolge: Die Polizei auf Spurensuche -Foto: dpa

Nach den gescheiterten Anschlägen in London halten deutsche Sicherheitsexperten sogenannte Dschihadisten (Heilige Krieger), die von Al Qaida inspiriert wurden, für die Täter. Es sei denkbar, dass Al Qaida selbst mit den Autobomben nichts zu tun hat, sie aber propagandistisch ausnutzt, sagte ein Fachmann dem Tagesspiegel am Sonntag. Es wäre keine Überraschung, wenn Al-Qaida-Vizechef Aiman al Sawahiri in seiner nächsten Videobotschaft die Beinahe-Anschläge von London „lobend erwähnt“.

Sawahiri hatte 2005, kurz nach den Anschlägen auf U-Bahnen und einen Bus in London, die Taten für Al Qaida vereinnahmt. Die Selbstmordattentäter waren aber offenkundig nicht von Al Qaida gesteuert worden. Das entspreche der Taktik der Al-Qaida-Spitze, die vom afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus den Dschihad anfache, ohne selbst noch operativ agieren zu können, sagte ein Experte. Ein ähnliches Vorgehen wäre jetzt „logisch“.

Die Londoner Polizei hatte am Freitag zwei zu rollenden Bomben umfunktionierte Mercedes-Limousinen entdeckt. Die mit Nägeln gespickten Sprengsätze sollten offenbar über Handysignale gezündet werden. Nach Ansicht deutscher Sicherheitsexperten entspricht der Modus Operandi dem Vorgehen militanter Sympathisanten von Al Qaida. Die Beinahe-Anschläge erinnerten auch an das knapp verhinderte Attentat einer Gruppe Algerier auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg 2000, die Angriffe auf Vorortzüge in Madrid im März 2004 sowie die Kofferbomben, die zwei Libanesen im Juli 2006 in zwei deutschen Regionalzügen deponiert hatten. Alle drei Taten wiesen keinen direkten Bezug zu Al Qaida auf, die Täter werden aber dem Dschihadisten-Spektrum zugerechnet.

Britische Ermittler werteten am Samstag Videoaufnahmen von Überwachungskameras aus der Londoner Innenstadt aus. Nach US-Medienberichten lagen „kristallklare Bilder“ von mutmaßlichen Tätern vor. Zu Spekulationen über die Herkunft des im Haymarket vor einem Club abgestellten Mercedes äußerte sich die Polizei zunächst nicht. In dem Wagen war die erste Bombe gefunden worden. Das Auto sei im Juni gestohlen und in den vergangenen Tagen in Schottland und in Birmingham gesehen worden, hieß es in Medienberichten.

In einer ersten Reaktion auf die vereitelten Anschläge warnte Londons Bürgermeister Ken Livingstone vor einer „Verteufelung“ muslimischer Bürger. Nur eine „winzige Minderheit“ der britischen Muslime sei dem Terror zugeneigt. Die große Mehrheit sei überdurchschnittlich gesetzestreu. Medien hatten berichtet, auf einer islamischen Internetseite seien kurz vor der Entdeckung der Autobomben Anschläge in London angekündigt worden. Der Islamrat, ein nationaler Interessenverband der britischen Muslime, hatte am Freitag zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern aufgerufen und die Polizei für ihre Arbeit gelobt. Livingstone warf der saudischen Königsfamilie vor, den Extremismus anzufachen, indem es einen intoleranten Islam auch in Großbritannien fördere. Britische Regierungen hätten es versäumt, dagegen vorzugehen.

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