Verena Becker : Im Dienst der Aufklärung

War Verena Becker schon Informantin des Verfassungsschutzes als sie vor 33-Jahren auf der Anklagebank saß? Wolfgang Kraushaar setzt sich in einem neuen Buch mit der RAF-Terroristin auseinander.

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Verena Becker wurde 1989 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker begnadigt.
Verena Becker wurde 1989 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker begnadigt.Foto: AFP

Verena Becker sitzt einfach nur da, brav, zurückhaltend. Die Richter des Oberlandesgerichts Stuttgart haben keine Probleme mit der 58-Jährigen. Vor 33 Jahren hatte die Angeklagte Becker am selben Ort in Stuttgart-Stammheim die damaligen Richter noch wüst beschimpft. Das Mitglied der „Rote Armee Fraktion“ wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, wegen Mordversuchs an einem Polizisten, der in Singen ihren Pass kontrollieren wollte.

Alles Theater damals, diese Beschimpfungen? War Verena Becker damals schon heimlich Informantin des Verfassungsschutzes? Hatte der sie deshalb gedeckt, obwohl sie am Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt war, vier Wochen vor ihrer Festnahme? Bekannt ist bisher nur, dass sie ab 1981 vor den Verfassungsschützern aussagte, zermürbt von der Haft. Mord quasi unter staatlicher Aufsicht? Eine abenteuerliche Theorie. Aber sie kursiert, diese Theorie. Nicht zuletzt ist Bubacks Sohn Michael, der in Stuttgart als Nebenkläger auftritt, der Ansicht, der Verfassungsschutz habe aus diesem Grund „eine schützende Hand“ über Becker gehalten.

Der renommierte Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar setzt sich nun mit ihr auseinander. Ein „bizarrer“ Gedanke im ersten Moment, natürlich, schreibt Kraushaar in seinem neuen Buch „Verena Becker und der Verfassungsschutz“ (Hamburger Edition). Aber auch unvorstellbar? „Es spricht einiges dafür, dass wir es im Fall Becker mit einer verschleppten Staatsaffäre zu tun haben könnten.“ Zur Affäre könnte sich der Fall durchaus ausweiten, zu viele Ungereimtheiten und offene Fragen stehen im Raum. Vieles deutet darauf hin, dass Becker selbst auf Buback geschossen hat

Doch Kraushaar reißt die Messlatte, die er selbst gelegt hat. Staatsaffäre? Er will „Lücken und Widersprüche kenntlich machen“, das ist noch vorsichtig genug formuliert. Aber er suggeriert zugleich, dass Becker wahrscheinlich wirklich viel früher als bekannt Informantin war, und da beginnt das Problem. Denn Kraushaar argumentiert meist nach dem Motto: Ein Mann, der einen spektakulären Bankraub begangen hat, ist deshalb wahrscheinlich auch verantwortlich für einen anderen spektakulären Banküberfall.

Der Fall Becker könnte ein zweiter Fall Schmücker sein, das ist der Kern von Kraushaars Argumentation. Ulrich Schmücker war wie Becker Mitglied der „Bewegung 2. Juni“, er packte vor dem Verfassungsschutz aus und wurde von Mitgenossen als Verräter hingerichtet. Der Verfassungsschutz spielt dabei eine skandalöse Rolle. Die vermeintliche Tatwaffe landete durch einen anderen V-Mann noch in der Mordnacht beim Verfassungsschutz, der bunkerte sie 15 Jahre lang in einem Tresor. Gerichte, die den Fall aufklären wollten, wurden vom Verfassungsschutz in die Irre geführt, um die eigene Rolle bei der Racheaktion und eine Quelle zu schützen. Schließlich wurde der Prozess gegen die Angeklagten ohne Ergebnis eingestellt, weil eine weitere Verfahrensdauer nicht mehr rechtsstaatlich gewesen wäre.

Kraushaar folgert nun schlicht: Beim Fall Becker könnte es doch genauso gewesen sein. Als Indiz dient ihm der Umstand, dass sich der Verfassungsschutz auch für Becker interessierte. Dass sie gleich V-Frau wurde, ist aber nicht belegt. Zwar deutet eine Stasi-Akte darauf hin, aber die ist mit Vorsicht zu genießen.

Zudem soll das spätere RAF-Mitglied Verena Becker auch das legendäre Haupt-Erddepot der RAF in einem Wald bei Heusenstamm verraten haben. An diesem Depot wurden 1982 die RAF-Führungsmitglieder Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz festgenommen. Im Depot lag eine Liste weiterer Erddepots. An einem, in Hamburg, fassten Polizisten eine Woche später Christian Klar. „Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Spitze der zweiten RAF-Generation erst durch Aussagen Beckers (...) inhaftiert werden konnte“, schreibt Kraushaar. Sehr wahrscheinlich? Nicht mit einem einzigen Indiz belegt Kraushaar diese Bewertung.

„Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“, drunter macht es Kraushaar nun nicht mehr, sollen Sicherheitsbeamte, wohl Verfassungsschützer, Becker und den Buback-Attentäter Günter Sonnenberg observiert haben, als die Terroristen mit dem Zug nach Singen fuhren und dort nach einer wilden Schießerei festgenommen wurden. Es gibt Journalisten, die das wissen wollen, aber Beweise haben sie nicht. Und nichts belegt zudem Kraushaars kühne Bewertung „sehr hohe Wahrscheinlichkeit“.

Michael Buback glaubt jedenfalls, dass Becker schon in Singen Informantin des Verfassungsschutzes war. Er hat in seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ viele aussagestarke Indizien genannt, die auf Becker als Todesschützin deuten. Indizien, dass sie langjährige Informantin der Verfassungsschützer war, liefert aber auch er nicht. Nach Angaben des „Weser-Kuriers“ vom Sonntag will Bubacks Anwalt Ulrich Endres nun die Ladung eines Zeugen beantragen, der ein „enger Freund“ eines leitenden und seinerzeit gut über die RAF informierten Beamten des Verfassungsschutzes sei.

„Verena Becker und der Verfassungsschutz“ ist eine weitere Sammlung vieler Ungereimtheiten und offener Fragen, die es zum Thema RAF, Verfassungsschutz und Verena Becker gibt. Beckers genaue Rolle beim Verfassungsschutz jedoch bleibt weiter im Dunkeln.

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