Verfrühter Jubel im Kampf gegen den "IS" : Ein Sieg reicht nicht

Die Befreiung der irakischen Stadt Ramadi wird euphorisch gefeiert. Doch der "Islamische Staat" ist noch längst nicht am Ende. Ein Kommentar.

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Siegreich: Irakische Soldaten feiern die Vertreibung der IS-Kämpfer aus Ramadi.
Siegreich: Irakische Soldaten feiern die Vertreibung der IS-Kämpfer aus Ramadi.Foto: Ahmad al Rubaye/AFP

An großen Worten mangelt es nicht. Die Befreiung der irakischen Stadt Ramadi sei ein wichtiger Sieg im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS), heißt es. Der militärische Erfolg zeige, dass die bärtigen Kämpfer keineswegs unbesiegbar sind. Ministerpräsident Haider al Abadi geht übermütig gleich noch einen Schritt weiter und verkündet, 2016 werde nicht nur die Millionen-Metropole Mossul zurückerobert, sondern der Terrormiliz gleich auch noch ein „tödlicher Stoß“ versetzt. Das klingt nach dem baldigen Verschwinden der weltweit gefährlichsten Terrortruppe.

Der Anfang vom Ende des IS ist in den vergangenen Monaten jedoch schon oft herbeigeredet worden. Im Januar zum Beispiel, als das nordsyrische Kobane zurückerobert werden konnte. Oder im April, als die Dschihadisten das irakische Tikrit räumen mussten. Klar, derartige Erfolge sind schmerzliche Niederlagen für die „Gotteskrieger“. Sie kratzen durchaus am Selbstbewusstsein jener, die sich gerne ihrer Erfolge brüsten. Aber nichts wäre gefährlicher, als die Schlagkraft des „Islamischen Staats“ zu unterschätzen. Die Schwarzgekleideten sind weiterhin eine Macht – militärisch wie ideologisch.

Grenzenloses Projekt

So sehen die Extremisten in Rückschlägen nur eine Prüfung Allahs. Einen göttlichen Ansporn, für den Aufbau eines weltweiten Kalifats mehr zu tun. Dazu gehört, die eigene Taktik den Gegebenheiten anzupassen. Kobane, Tikrit und Ramadi verloren? Spielt keine Rolle. Unser Projekt ist ohnehin nicht an Orte und Länder gebunden. Wird es im Irak und in Syrien zu schwierig, weichen wir einfach nach Libyen aus. Oder nach Afghanistan. Oder unterwandern Jordanien. Wohl wissend, dass der Einfluss des IS und seine Anziehungskraft nicht allein auf der Kontrolle über Territorien gründet.

Nach wie vor gibt es sehr viele Muslime, die die Idee eines rückwärtsgewandten, angeblich ursprünglichen Islam fasziniert. Jeden Monat schließen sich deshalb hunderte Menschen aus aller Welt den sunnitischen Fundamentalisten an. Sind sogar bereit, im „Heiligen Krieg“ ihr Leben zu opfern. Selbst in den vom IS brutal unterjochten Orten gibt es nicht wenige, die nach Jahren des Chaos die Pseudo-Ordnung und eine rudimentäre Infrastruktur mit Bäckereien und funktionierender Stromversorgung schätzen.

Halbherziger Kampf

Das bedeutet: Der „Islamische Staat“ ist allein mit militärischer Effizienz nicht zu besiegen. Es braucht vielmehr auch politisches Fingerspitzengefühl. Und große Einigkeit. Von alldem kann allerdings bisher kaum die Rede sein. Der Kampf gegen die Dschihadisten wird bestenfalls halbherzig geführt. Amerika, Russland, die Türkei, der Iran und Saudi-Arabien – jeder kocht nur sein eigenes Süppchen, will für sich den größtmöglichen strategischen Vorteil aus der Situation ziehen.

So ist den Terroristen nicht beizukommen. Ja, sie sind die Nutznießer der Zerstrittenheit ihrer Gegner. Und hätte es weder den Exodus aus Syrien Richtung Europa gegeben noch die Pariser Anschläge und den mit einer Bombe herbeigeführten Absturz einer russischen Passagiermaschine – die Welt würde den Zerfall der Krisenregion weiter tatenlos hinnehmen.

Wenn nun alles anders werden soll, ist eine echte Allianz gegen den Terror erforderlich. Gemeinwohl statt Eigensinn – das muss für 2016 die Devise sein. Anderenfalls wird der Anfang vom Ende des „Islamischen Staats“ noch lange auf sich warten lassen. Und damit der Erfolg von Ramadi rasch wieder vergessen sein.

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