Politik : Vergessene Tragödien

Katastrophen mit Hunderttausenden Toten sind in Asien nicht selten – nur starben nie so viele Touristen

Ruth Ciesinger

Berlin - Außenminister Fischer spricht von einer „Jahrhundertkatastrophe“, die Vereinten Nationen immerhin von der „schlimmsten Katastrophe der jüngsten Geschichte“. Und tatstächlich mussten die UN noch nie eine so komplexe Hilfsleistung organisieren wie jetzt in der Region um den Indischen Ozean. Acht Länder sind betroffen mit tausenden Kilometern von Küste. Doch auch wenn die Zahl der Toten unaufhörlich steigt und das Ausmaß des Unglücks unabsehbar scheint: Solche Naturkatastrophen hat es gerade in Asien auch in der Vergangenheit gegeben. Jedoch waren sie jeweils auf ein Land beschränkt – und nie starben dabei so viele westliche Touristen.

Erst 1991 drückte ein tropischer Wirbelsturm eine bis zu sechs Meter hohe Flutwelle in den Golf von Bengalen vor Bangladesch. Die Wassermassen überspülten den Süden des Landes, rund 140000 Menschen starben, in weiteren Wirbelstürmen kamen nochmals Zehntausende ums Leben. Zwanzig Jahre zuvor löste ein Zyklon vor der Küste Bangladeschs eine Flutwelle aus, der bis zu 300000 Menschen zum Opfer fielen.

Daraufhin organisierten Musiker wie Bob Dylan, George Harrison oder Eric Clapton das „Concert for Bangladesh“, um Spenden zu sammeln – ähnlich wie in den 80er Jahren der britische Sänger Bob Geldof, der mit dem Benefizkonzert Band Aid für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien sammelte. Damals waren etwa eine Million Menschen gestorben. In Indien kamen bei der großen Dürre Mitte der 60er Jahre sogar mehr als anderthalb Millionen Menschen ums Leben.

Als Bangladesch, das jetzt selbst hilft, vom Unglück heimgesucht worden war, schickten die reichen Länder Geld und Personal zum Wiederaufbau. Als in China bei einem Erdbeben 1976 bis zu 700000 Menschen starben, verbat sich Peking dagegen jede Hilfe und Einmischung von außen. Auch Indien lehnt nun externe Entwicklungshilfe ab – wohl um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Die anderen Länder aber sind auf Unterstützung angewiesen.

Da ist es zwar zynisch, wenn die Bilder und Geschichten verzweifelter Touristen in europäischen Medien viel öfter vorkommen, weil sie mehr verstören als die der Einheimischen. Oder dass sich die Berichterstattung in den ersten Tagen vor allem auf Thailand konzentrierte, wo im Vergleich zu Indonesien zwar weniger Menschen starben, aber die meisten europäischen Reisenden. Doch andererseits, sagt Rudi Tarneden vom UN-Kinderhilfswerk Unicef, „hilft die Betroffenheit, Spenden und Hilfe zu mobilisieren“. Und das nutzt wieder der ganzen Region.

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