Politik : Verhör im Schlamm

Sadisten dürfen keine Soldaten sein, meint Minister Struck – und muss sich mit einem neuen Fall befassen

Robert Birnbaum

Wer sucht, der findet. Der Wehrbeauftragte Willfried Penner (SPD), seit den Berichten über die „Folter-Übungen“ mit Rekruten in Coesfeld über das normale Maß hinaus alarmiert, ist fündig geworden: Coesfeld scheint mindestens einen Vorläufer zu haben, im Frühjahr 2002 im westfälischen Ahlen. Ein Reservist hat in einer Beschwerde an Penner Details aufgeführt: Während der Ausbildung, so gibt es der „Spiegel“ wieder, sei eine „Geiselnahme durch albanische Freischärler“ simuliert worden. Soldaten seien mit verbundenen Augen auf eine verschlammte, zum Teil gefrorene Wiese geschleppt, zu Boden geworfen und „verhört“ worden.

Die Eingabe liegt seit Freitagnachmittag auch dem Verteidigungsministerium vor, Penner hat sie seinem Parteifreund Peter Struck zur Überprüfung überstellt. Der Verteidigungsminister hat daraufhin eine systematische Suche in der ganzen Bundeswehr angeordnet. Alle Teilstreitkräfte sollen ihre Ausbildung durchleuchten – und, sofern sie finden, konsequent durchgreifen. „Ausbilder, die Untergebene misshandeln, haben in der Bundeswehr nichts zu suchen“, schreibt Struck in der „Bild am Sonntag“. „Sie müssen ihren Rock ausziehen.“ Die Ausschreitungen von Coesfeld nennt Struck „erschreckend“; er ist aber nach wie vor genauso betroffen über das Schweigen der Rekruten, die bei der „Übung“ die Folteropfer spielen mussten, Schwachstrom-Elektroschocks inbegriffen. Ausdrücklich appelliert der Minister an Soldaten, die ähnliches erlebt haben, sich zu melden.

Zu Wort melden sich zunehmend sowohl die Täter als auch die Opfer von Coesfeld. Dabei zeigt sich, dass es intern durchaus Kritik an der „Übung“ gegeben hat. Mehrere der Misshandelten, hat ein Soldat dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet, hätten sich bei ihrem Ausbilder beschwert. „Der Unteroffizier hat sich mit dem Argument gewehrt, er sei auf seinen Auslandseinsatz auch so vorbereitet worden. Wir sollten doch froh sein, dass wir so eine gute Grundausbildung bekommen“, zitiert die Zeitung den Zeugen.

Dieses Verständnis scheinen damals viele der Ausbilder geteilt zu haben. Ein Unteroffizier räumt in der „Bild“-Zeitung immerhin ein, dass es „falsch“ war, Rekruten im Keller der Freiherr-vom- Stein-Kaserne mit ungefährlichem, aber schmerzhaftem Schwachstrom aus einem Feldfernsprecher zu quälen. Auch eine Zigarette auf der Haut eines nackten Rekruten auszudrücken, dürfte klar die Grenze dessen überschreiten, was bei der Bundeswehr als Schinderei in der Ausbildung immer schon mal vorgekommen ist, vom Wehrbeauftragten alljährlich in seinen Berichten dokumentiert.

Aber dass das eigenwillige Ausbildungsprogramm für die Grundausbildung grundsätzlich falsch war, dafür scheint bis heute wenig Verständnis zu herrschen. „Die meisten von uns haben nichts falsch gemacht“, sagt der Unteroffizier der Zeitung. Die Übung habe den Rekruten übrigens „Spaß gemacht“ und sei von ihnen als anstrengende, aber interessante Erfahrung bewertet worden. Andere zitierte Soldaten äußern Unverständnis über Strucks Ankündigung, hart durchzugreifen. „Mich ärgert, dass wir jetzt alle in einen Topf geschmissen werden“, zitiert das Magazin „Focus“ einen der bereits vom Dienst suspendierten Ausbilder von Coesfeld. Aber der Verteidigungsminister will durch dieses harte Durchgreifen offenkundig auch deutlich machen: Ein Klima wie in Coesfeld, schreibt Struck, dürfe sich in der Bundeswehr nicht breit machen.

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