Politik : Verknüpft

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Weihnachtszeit, Familienzeit, Geschichtenzeit. Da gab es also einst in Berlin das Stadtschloss. Nun dringt Kunde aus dem Freundeskreis, dass ein Großvater daselbst als kaiserlicher Chauffeur diente. Dies ist keine Mär; die Dankesbriefe Wilhelms II. liegen im Familienarchiv. Für „brave“ Dienste wird darin gedankt, getippt auf einer Schreibmaschine, unterzeichnet vom Kaiser in persona. Dergestalt an die Hohenzollern gebunden schmerzte es den Großvater gar sehr, als das Stadtschloss in Trümmern versank. Irgendwie gelang es ihm, ein Stück eines blau-roten Teppichs zu retten. Eines unscheinbaren, der in einem der endlosen Flure sein betretenes Leben fristete. Dieser kaiserliche Teppich also überlebte in einer Ost-Berliner Bürgerswohnung, wo er, nun gut, ein Loch im Boden überdeckte. Der Sohn des Chauffeurs ist Musiker. 1961 kam er von einer Italienreise zurück, und plötzlich stand da die Unfassbarkeit namens Mauer. Gut, dass es kurz davor gelungen war, auf abenteuerlichen Wegen den wilhelminischen Treter in den Westen zu schmuggeln. Wichtigstes Utensil war der Kontrabass des Musikers, denn in dessen enormes Behältnis ließ sich bequem zwischen Instrument und Hülle der Teppich quetschen. So gelang diesem also die Flucht in den Westen. Erst Berlin, dann Frankfurt, dann München, wohin es die Familie eben verschlug, dann erneut Berlin. Jetzt aber, wo das Stadtschloss wieder aufgebaut werden soll, ist die Familie tief hinabgestiegen in die Hinterlassenschaft des Großvaters, sichtet Briefe und prüft, was bislang in der Ecke stand. Der Teppich soll bald einer Spezialwerkstatt übergeben werden, auf dass er nachgeknüpft werden kann. Für das neue Berlin.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben