Politik : Verlieren können

Sascha Klettke

Wie viele Tage es bis zur Bundestagswahl sind, weiß Franz Müntefering genau. 250 waren es noch, als der SPD-Generalsekretär am Dienstagabend in der Katholischen Akademie über Tugenden in der Politik sprach. Und weil es um das "große Ganze" in der Politik ging, relativierte Müntefering sogar die Bedeutung des Wahlkampfes: "Es geht bei den Wahlen in Deutschland nicht um Kopf und Kragen." Die Demokratie sei nicht in Gefahr, egal ob die eine oder die andere Seite gewinne. Unabhängig davon, wie die nächsten Wahlen ausgingen, habe das Land "so oder so gute Perspektiven".

Müntefering, der im vergangenen Jahr nach Drohungen gegen Abweichler aus der eigenen Fraktion bei der Abstimmung über den Mazedonien-Einsatz heftige Kritik an seinem Demokratieverständnis einstecken musste, machte sich Gedanken über die Tugenden in seinem Beruf. "Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortung" brauche ein Politiker. Und vor allem dürfe man sich selbst nicht zu wichtig nehmen. "Man muss immer im Auge behalten, dass der andere vielleicht auch ein klein wenig Recht haben könnte", so der Katholik aus dem Sauerland. "Wenn mir einer sagt, die Sozialdemokratie ist hundertprozentig, dann weiß ich, dass mit dem was nicht stimmt. Ich kenne doch die Sozialdemokratie."

Vom Publikum musste sich Müntefering vor allem Kritik an seinen öffentlichen Auftritten gefallen lassen. So wurde ihm vorgeworfen, bei Fernsehauftritten eine Rolle zu spielen. "Ich kann nicht einfach sagen, ich, Franz Müntefering, sehe das so. Ich muss ja versuchen, ungefähr das zu treffen, was die 720 000 roten Brüder und Schwestern denken", verteidigte sich der SPD-Generalsekretär. Zugleich verteidigte er seine viel kritisierte Aussage, der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber, sei ein "Lügner". "Aber wenn das die Wahrheit ist, was soll ich denn machen", sagte Müntefering lächelnd. Stoiber habe ja die Lage auf dem Arbeitsmarkt bewusst falsch dargestellt. "Da muss ich ihm dann schon einen Stopper setzen."

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