Politik : Verlorene Landeskinder

Die neuen Länder werben um Rückkehrer: Sie brauchen dringend Fachleute und Führungskräfte

Matthias Schlegel

Volker Jennerjahn hasst die Frage, und doch hat er sie erwartet: Wie viele ausgewanderte Mecklenburger hat die Agentur „mv4you“ schon ins Land zurückgeholt? „Wir sind keine Rückholagentur, wie es in der Öffentlichkeit gern dargestellt wird. Wir halten Kontakt zu ehemaligen Mecklenburgern, die das Land verlassen haben“, antwortet er dann leicht genervt.

Anfang 2002 wurde „mv4you“ gegründet, auf Initiative des PDS-geführten Arbeitsministeriums in Schwerin. Dort wollte man der Abwanderung der Landeskinder nicht länger zusehen. Rund 11 500 Einwohner verlor das Bundesland im Jahr 2001 durch Abwanderung. Nun soll „mv4you“ aufgestockt werden. Zu derzeit 2,25 Planstellen kommen zwei weitere hinzu, um die Spur der Abtrünnigen aufzunehmen – via Internet und mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit. Ziel ist es, die Abgewanderten zur Heimkehr zu bewegen. Rückkehrwilligen verspricht die Agentur Hilfe bei der Suche nach Arbeitsplatz, Wohnung und Kita. Interessenten können sich unter www.mv4you.de registrieren lassen. Etwa 1000 Leute – „Kunden“ sagt Jennerjahn – verzeichnet die Datenbank heute. Künftig will die Agentur noch enger mit Wirtschaft und Kommunen kooperieren, um deren Führungs- und Fachkräftebedarf zu decken.

Die Motive der Exilanten lässt die Regierung in Schwerin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erforschen. Ergebnis: Die meisten gehen aus Karrieregründen (74 Prozent), waren arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht, haben Abitur oder einen akademischen Abschluss (fast 60 Prozent), sind 18 bis 35 und emotional an ihre Heimat gebunden. Der Großteil würde bei Aussicht auf Arbeit samt entsprechendem Umfeld heimkehren. Nur 2,5 Prozent der Befragten sahen dazu keine Veranlassung.

Wie viele tatsächlich wieder auftauchen in Greifswald oder Neustrelitz, bleibt aber meist im Dunkeln. Irgendwo im zwei-, vielleicht dreistelligen Bereich liegt offenbar die Zahl der Rückkehrer. Jennerjahn möchte sich da auf keinen Fall festlegen und seine Agentur etwa unter Erfolgsdruck setzen lassen: „Bei 17 bis über 20 Prozent Arbeitslosigkeit im Land ist es schwer, Arbeitsplätze für die Rückkehrwilligen zu finden. Sollen sich die jungen Leute zunächst ruhig woanders weiterqualifizieren, Sprachen lernen. Wir wollen den Kontakt zu ihnen halten. Wenn sie dann bei uns gebraucht werden, kommen sie auch zurück.“ Getreu dem Agentur-Motto: Wandern und Wiederkommen.

Durch die politische Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns irrlichtert eine magische Zahl: 120 000 Fachkräfte würden dem Land angesichts der demografischen Entwicklung und der Abwanderung bis 2010 angeblich fehlen. Aus dieser Größe bezieht auch Jennerjahns Team seine Daseinsberechtigung. Quelle ist eine Studie des Berliner Instituts für Sozialökonomische Strukturanalysen im Auftrag des Schweriner Arbeitsministeriums. Sie ist bereits ein paar Jahre alt und kaum noch ihr Papier wert. Eine neue soll in Kürze vorgestellt werden. Der Kardinalfehler liegt freilich in der Interpretation der Nutzer selbst: Jene 120 000 ist die bis 2010 kumulierte Zahl des jährlichen Einstellungsbedarfs und keinesfalls das dann bestehende Fachkräfte-Defizit, klärt Udo Papies, Mitautor der Studie, auf. Und er räumt ein: Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren das Wirtschaftswachstum zu optimistisch und die Entwicklung der Beschäftigungssituation unrealistisch angesetzt worden.

Die neue Studie wird einen kumulierten Einstellungsbedarf von rund 60 000 aufweisen. Und der könnte von Berufsanfängern und Arbeitslosen gedeckt werden. Mit anderen Worten: Einen Fachkräftemangel wird es auch 2010 in Mecklenburg-Vorpommern nicht geben – allenfalls als politisches Problem, wenn die Landesregierung es versäumt, rechtzeitig die Weichen zu stellen für eine bedarfsorientierte Aus- und Weiterbildung.

Im sächsischen Oberland, der Region im Grenzdreieck Deutschlands, Polens und Tschechiens, fehlen Fachkräfte schon heute. Deshalb hat sich der „Firmenausbildungsring Oberland e.V“ im Vorjahr zum Ziel gesetzt, Exilanten wieder einzufangen. Mancher der 170 beteiligten Unternehmer fuhr einem „Flüchtigen“ schon mal hinterher, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Ansonsten setzt man aufs Internet: 55 Stellenangebote waren bei „www.sachsekommzurueck.de“ einst verzeichnet, wie Vereinsvize Christian Puppe erklärt. 24 konnten besetzt werden. Doch die eigentliche Zielgruppe, die gen Westen ausgewanderten jungen Leute, erreichte man nicht: 18 der 24 Stellen gingen an Bewerber aus dem Osten. Was als Draht in die Heimat gedacht war, erwies sich als wohlfeile Jobbörse Ost.

In der sächsischen Regierung will man von „Rückholagenturen“ ohnehin nichts wissen. Im Osten müssten die Standortbedingungen verbessert werden, damit die Jungen gar nicht erst wegliefen, heißt es im Wirtschaftsministerium. Ministerpräsident Milbradt und sein Ressortchef Gillo (beide CDU) machen sich deshalb für mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und die Aufweichung der Tarifregeln stark. Eine groß angelegte Aktion, in der Fragebögen an rund 7500 Wegzügler geschickt wurden, war schon in der Ära Biedenkopf angeschoben worden. Annett Kirschke vom Landesamt für Statistik hat den Rücklauf – immerhin etwa 25 Prozent – analysiert. Die Ergebnisse ähneln denen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Rückkehrwilligkeit allerdings war in Sachsen deutlich schwächer als im Norden: Nur 62 Prozent räumten diese Möglichkeit ein. Je älter die Befragten und je höher ihre Qualifikation, umso geringer die Bereitschaft zur Rückkehr. Und: Frauen fassen in der Fremde besser Fuß.

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