Politik : Vermeintliche Freiheit des Zeichners

Ein Problem zwischen Berlin und Teheran Tagesspiegel-Zeichnung ist in der Türkei ein Thema – doch meistens wird unaufgeregt berichtet

Thomas Seibert[Istanbul]

Bitte veröffentlichen Sie keine Karikaturen von Menschen mit Selbstmordgürteln/Selbstmordattentäter. Unabhängig davon wie es gemeint war, ist es doch zu Recht beleidigend. Kinder mit Bombenatrappen bei Demos haben bei uns noch vor kurzer Zeit zu Aufregung geführt; da darf es niemand wundern, wenn Karikaturen ebenfalls zum Aufreger werden. Eine Entschuldigung bei den Betroffenen wäre eine schöne Geste. Die vermeintliche Freiheit, die der Karikaturist mit seinen Zeichnungen hat, schützt nicht davor, dass sich Menschen angegriffen fühlen können. Die Erklärung, dass es sich doch nur um eine Karikatur handelt, wird dem „Betroffenen“ sicher nicht ausreichen.

Dr. med. Stephan Jäger, Haren

Mit „Karikatur-Krisen“ kennt sich die türkische Öffentlichkeit mittlerweile aus. Zuerst die Auseinandersetzung um die dänischen Mohammed-Zeichnungen, dann der innertürkische Rechtsstreit um Karikaturen, in denen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als Rindvieh und Kamel dargestellt wurde – und jetzt kommt auch noch der Tagesspiegel hinzu. Gleich mehrere türkische Zeitungen druckten die umstrittene Tagesspiegel-Karikatur zur iranischen Fußballnationalmannschaft nach. „Sie haben aus iranischen Fußballern, Terroristen gemacht“, meldete die Boulevard-Zeitung „Sabah“. Das liberale Blatt „Radikal“, das die Zeichnung ebenfalls druckte, wertete den Streit als Teil der weltweiten Diskussion zwischen „dem Westen und der islamischen Welt“. In den Nachrichtensendungen des türkischen Fernsehens war die Aufregung um die Zeichnung ebenfalls ein Thema.

Anders als die Mohammed-Karikaturen wird der Wirbel um die Iraner-Zeichnung im Tagesspiegel in der Türkei aber vor allem als bilaterales Problem zwischen Deutschland und Iran gesehen. Die türkischen Zeitungen gingen in ihrer Berichterstattung zwar auf die iranischen Proteste ein, sie betonten aber, dass es bei der Karikatur um die innerdeutsche Debatte um einen Bundeswehreinsatz bei der Fußball-WM ging und dass Zeichner Klaus Stuttmann Todesdrohungen erhalten hat; es gibt keine Hinweise darauf, dass türkische Medien oder Politiker dabei Partei ergreifen wollen.

Im Streit um die Mohammed-Karikaturen war in der Türkei die Entscheidung des Tagesspiegels kritisiert worden, eine Zeichnung der dänischen Zeitungen nachzudrucken. Die Mohammed-Zeichnungen werden von den allermeisten Türken als Angriff auf den Islam scharf kritisiert. Mehrere zehntausend Menschen haben in den vergangenen Wochen in der Türkei gegen die Veröffentlichung der Karikaturen protestiert. Ob der Mord an einem italienischen Priester in der türkischen Schwarzmeer-Stadt Trabzon ebenfalls mit dem Karikaturenstreit zusammenhängt, ist noch nicht eindeutig geklärt.

Die Diskussion über die Frage, was Karikaturen dürfen und was nicht, beschäftigt die Türken derzeit nicht nur wegen Mohammed und Iran. Am Dienstag scheiterte Ministerpräsident Erdogan mit einer Klage gegen ein türkisches Satiremagazin, das den Regierungschef im vergangenen Jahr auf einer Titelseite in neunfacher Version in Tiergestalt präsentiert hatte, darunter als Affe, Frosch, Elefant und Ente. Das Magazin „Penguen“ wollte damit seine Solidarität mit einem türkischen Karikaturisten demonstrieren, der Erdogan als Katze gezeichnet hatte und deshalb zu einer Schadenersatzzahlung verurteilt worden war. Erdogan verstand dies als Angriff auf seine Persönlichkeitsrechte und verlangte von „Penguen“ umgerechnet 25 000 Euro Schmerzensgeld. Ein Gericht in Ankara entschied aber, Erdogan müsse sich damit abfinden, als Tier dargestellt zu werden. Der Ministerpräsident deutete an, dass er gegen die Entscheidung Einspruch einlegen wird. Das Thema wird den Türken erhalten bleiben.

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