Vermisste Deutsche in Afghanistan : Eine gewagte Wanderung

Im Zug der Suche nach den vermissten Deutschen in Afghanistan wurden inzwischen fünf Personen festgenommen. Setzten sich die Helfer womöglich über Sicherheitsregeln hinweg?

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Hubschrauber angefordert. Die afghanische Polizei hat die Bundeswehr bei der Suche um ihre Hilfe gebeten.
Hubschrauber angefordert. Die afghanische Polizei hat die Bundeswehr bei der Suche um ihre Hilfe gebeten.Foto: dpa

Noch haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, die Familien, Freunde und Kollegen der beiden verschwundenen Deutschen in Afghanistan. Am vergangenen Freitag waren die Entwicklungshelfer zu einer Wanderung in der bergigen Salang-Gegend nördlich der Hauptstadt Kabul aufgebrochen. Ihrem Fahrer hatten sie gesagt, er solle sie nachmittags wieder abholen. Sie kamen aber nicht zum Treffpunkt. Der Fahrer benachrichtigte darauf die Behörden. Die Polizei von Parwan startete eine Suchaktion und nahm am Mittwoch fünf Angehörige von Nomadenstämmen in der Provinz Parwan fest. Sie könnten mit dem Verschwinden der Deutschen zu tun haben, erklärte die Provinzregierung. Von den beiden fehle aber weiterhin jede Spur.

Der Krisenstab des Auswärtigen Amts in Berlin steht im ständigen Kontakt mit den afghanischen Behörden. Vieles spricht dafür, dass die Helfer entführt wurden. Nach Tagesspiegel-Informationen sind ihre Handys ausgeschaltet. Entführungen sind in Afghanistan zudem, ähnlich wie in einigen südamerikanischen Ländern, zu einer Art Geschäft krimineller Banden geworden. Sie haben es auf reiche afghanische Familien ebenso abgesehen wie auf Ausländer. Diese Banden wollen in der Regel Lösegeld erpressen, einen islamistischen Hintergrund haben sie nicht. Doch Ausländer wurden auch schon von ihren Entführern an die Taliban „verkauft“ – und damit zu politischen Geiseln der Aufständischen.

Im Fall der verschwundenen Deutschen sind aber noch viele Fragen offen. Laut Auswärtigem Amt gibt es bisher keine Lösegeldforderung. In Sicherheitskreisen wird nicht ausgeschlossen, dass sie sich in dem gebirgigen Gelände verirrt haben. So wie vor einiger Zeit zwei Briten, die dann wohlbehalten wieder auftauchten. Deshalb halten sich die Arbeitgeber der Deutschen bisher mit öffentlichen Äußerungen zurück. Nach Informationen des Tagesspiegels ist zumindest einer der beiden Männer für die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig.

Dass die Helfer in einem Krisenland wie Afghanistan einen privaten Wanderausflug unternahmen, erstaunt auch viele ihrer Kollegen. Simone Pott von der Deutschen Welthungerhilfe sagte dem Tagesspiegel, solche Ausflüge seien „ungewöhnlich“. Jede Organisation habe ein Sicherheitskonzept, dass regelmäßig an die aktuelle Lage angepasst werde. In Afghanistan gelte besondere Vorsicht. „Reisen außerhalb des Projektgebiets müssen sich unsere Mitarbeiter in jedem Fall vom zuständigen Regionalkoordinator genehmigen lassen“, erklärt Pott. Das gelte auch für private Unternehmungen. Und wenn dieser sein Veto einlege, dürfe der Mitarbeiter nicht fahren. Die staatliche GIZ hat ähnliche Richtlinien. Vorgaben des Entwicklungsministeriums (BMZ) gibt es darüber hinaus nicht. Die Einschätzung der jeweiligen Sicherheitslage obliege der Durchführungsorganisation, hieß aus dem BMZ.

Gernot Ritthaler, Katastrophenhilfe-Koordinator der Caritas, findet es „strikt fahrlässig“, wenn Entwicklungshelfer in Afghanistan wandern gehen. Angehörigen der Caritas sei das nicht erlaubt. Jeder Mitarbeiter erstelle sich einen individuellen Sicherheitsplan. Auch ein persönliches Sicherheitstraining finde vor der Ausreise statt. Im bayrischen Hammelburg werden Mitarbeiter von Hilfswerken wie auch Journalisten von der Bundeswehr auf ihren Aufenthalt in Afghanistan vorbereitet. Dabei wird geübt, wie man sich in Gefechtssituationen und bei Angriffen verhalten sollte. Auch Entführungen werden simuliert. Caritas-Experte Ritthaler gibt aber zu bedenken, dass im Extremfall oft Unvorhersehbares geschieht. „Ab einem gewissen Zeitpunkt muss jeder Mitarbeiter selbst entscheiden, was er noch verantworten kann.“

In Kabul haben die privaten Hilfsorganisationen ein Sicherheitsbüro eingerichtet, das regelmäßig, oft stündlich per E-Mail und SMS über wichtige Entwicklungen in den verschiedenen Regionen des Landes informiert. Auch der Deutsch-Afghane Omar Sayami nutzt das Netzwerk, wenn er vor Ort ist. Das Angebot sei „sehr restriktiv“. Wer es nutzt, von dem werde auch erwartet, dass er sich an die Sicherheitshinweise hält. Sayami ist Vorsitzender der „Initiative Afghanistan“, die den Neubau von Schulen im Land unterstützt. Das Sicherheitsnetzwerk ist für Sayami aber nicht die einzige Informationsquelle. Der Austausch der Mitarbeiter von Hilfswerken und Regierungsstellen untereinander sei sehr wichtig. „Je nach Gebiet fahren wir auch nur mit gepanzerten Fahrzeugen raus“, sagt Sayami. Oftmals biete es sich auch an, kleinere Konvois zu bilden. „Minimum sind zwei Fahrzeuge.“

Angesichts der Sicherheitslage gilt für Afghanistan bei allen deutschen Organisationen seit langem: Reisen, die nicht unbedingt erforderlich sind, sind tabu. Zum Ausgleich werden die Mitarbeiter regelmäßig für Kurzurlaube aus Afghanistan ausgeflogen. „In solchen Krisengebieten leben unsere Kollegen unter besonderer Anspannung“, berichtet die Sprecherin der Welthungerhilfe. Deshalb seien diese Erholungsphasen besonders wichtig.

Doch westliche Ausländer in Kabul sagen auch, dass viele, die lange im Land sind, glauben, Risiken gut abschätzen und damit eingrenzen zu können. Die Provinz Parwan etwa, in der die beiden Deutschen vermisst werden, galt bisher als relativ sicher. Auch der Deutsch-Afghane Sayami erzählt, dass er im Land immer mal wieder wandern war.

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