Vernachlässigung : Gebündelte Kräfte fürs Kindeswohl

Nicht immer endet die Vernachlässigung von Kindern so tragisch wie im Fall des zweijährigen Kevin aus Bremen. Als aber die Leiche des kleinen Jungen in der Kühltruhe seines Ziehvaters gefunden wurde, rüttelt das Öffentlichkeit und Politik auf.

Petra Viebig

Berlin Der Erkenntnis, dass viele Familien mehr öffentliche Hilfe brauchen, will nun ein Gesetzentwurf gerecht werden, den das Bundeskabinett am Mittwoch beschlossen hat. „Vernachlässigte, misshandelte und verhaltensauffällige Kinder brauchen die Hilfe des Staates“ sagte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Das geplante Gesetz sieht neue Möglichkeiten vor, um auf überforderte Eltern einzuwirken. Nach Angaben des Familienministeriums ist Vernachlässigung durch Erziehungsberechtigte deutlich häufiger für kindliche Schädigungen verantwortlich als Misshandlung.

Bislang werden die Gerichte erst spät tätig und ziehen dann in 80 Prozent der Fälle die schwerste Konsequenz: den Entzug des Sorgerechts. In den vergangenen Jahren aber hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass effektive Jugendhilfe früher und deutlicher bei der alltäglichen Arbeit mit den Familien ansetzen muss. Künftig sollen die Gerichte schon früher in den Hilfsprozess eingreifen können. Der Entwurf enthält eine Reihe von möglichen Eingriffen unterhalb der Schwelle des Sorgerechtsentzugs. So können die Eltern verpflichtet werden, das Kind in einen Kindergarten zu geben oder öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Anders als bisher setzen solche Maßnahmen nicht mehr voraus, dass zuvor ein Fehlverhalten der Eltern festgestellt wurde. „Der Vorwurf, versagt zu haben, ruft bei vielen Eltern eine Verweigerungshaltung hervor“, erläuterte der Direktor des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach. Nach dem Entwurf kann die Justiz daher immer dann tätig werden, wenn die Eltern selbst dazu nicht in der Lage sind. Arbeiten diese dann nicht mit dem Gericht zusammen, kann notfalls auch ein Zwangsgeld angeordnet werden. „Unser Ziel ist es, gefährdete Kinder so früh wie möglich zu schützen und Schlimmeres zu verhindern“, sagte Zypries.

Während das Gesetz die Kooperation zwischen Jugendämtern und Justiz verbessern will, widmet sich ein neues Projekt von Familienministerin von der Leyen (CDU) dem direkten Zusammenwirken der Jugendämter mit dem Gesundheitswesen: Das „Nationale Zentrum frühe Hilfen“ soll Fachwissen über Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen bündeln und damit lokale und regionale Netzwerke beraten. Träger des Zentrums, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, sind die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Deutsche Jugendwerk.

„Wir hatten in der Vergangenheit ein viel zu großes Nebeneinanderher der verschiedenen Stellen“, sagte Rauschenbach. Durch das neue Zentrum könne man die entscheidende Herausforderung annehmen: Im Interesse der Kinder besser zusammenzuarbeiten.

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