Politik : Verpackungsverordnung: Kein Pardon für die Bierdose - Pfand ab Sommer 2001

Ulrike Fokken

Eines bleibt gewiss: "Mehrweg ist besser als Einweg", sagt Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA). Aber nicht allein die bislang mit umweltfreundlichem Mehrweg in Verbindung gebrachte Glasflasche ist ökologisch sinnvoll. Die Kunststoffflasche aus PET (Polyethylenterephtalat) ist noch umweltfreundlicher, wenn sie mehrfach verwendet wird. "Die bestehenden PET-Mehrwegsysteme sind gegenüber den bestehenden Glas-Mehrwegsystemen in den Getränkesegmenten Mineralwasser und CO2-haltigen Erfrischungsgetränken aus Umweltsicht vorzuziehen", heißt es in der zweiten Ökobilanz über Getränkeverpackungen des UBA. Troge und Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stellten gestern die seit langem erwartete Studie vor.

Neue Verpackungsverordnung

Die umfangreiche Bilanz birgt noch eine weitere Überraschung: Kartonverpackungen für Wasser, Saft, Eistee und Wein sind weder schlechter noch besser als mehrfach verwendete Glasbehälter. Es lässt sich "kein umfassender ökologischer Vor- oder Nachteil erkennen", schreiben die Wissenschaftler in der Ökobilanz. Die Verbraucher müssen die Kartons jedoch nach dem Genuss ordentlich entsorgen - also in die gelbe Tonne schmeißen - damit die Verpackungen verwertet werden können. "Punker-Grundnahrung", wie Trittin Bier aus Dosen bezeichnet, bleibt auch nach der zweiten Ökobilanz unökologisch. Denn Aluminium und Weißblech, aber auch Einwegglas bergen "deutliche ökologische Nachteile".

Trittin will daher diese beiden Umweltsünder mit einer Pfandpflicht belegen. Oder es muss die Quote für "ökologisch hochwertige Verpackungen" höher gesetzt werden. Jedenfalls ist dem Umweltminister klar, dass nach dieser zweiten wissenschaftlichen Untersuchung die Verpackungsverordnung erneut verändert werden muss. Nach der ersten Ökobilanz von 1995 war herausgekommen, dass die bis dahin verachteten Plastikschläuche für Milch ökologischer als Glas und Kartons waren. Trittins Vorgängerin im Amt, Angela Merkel, novellierte daraufhin die Verpackungsverordnung und ließ auch PET-Beutel für Milch zu, ohne dass sie Einfluss auf die Erfüllung der Quote hätten. Die bietet seit Monaten Anlass für Zwist zwischen Umweltschützern und Industrie, rot-grünen Umweltpolitikern und der Opposition. Denn die Verpackungsverordnung legt für die unterschiedlichen Getränke - Bier, Brause, Milch, Saft, Wein und Wasser - bestimmte Quoten fest, in welchen Gebinden diese Getränke verkauft werden dürfen. Erfüllen die Getränkehersteller die Gesamtquote von 72 Prozent Mehrweg nicht, droht ihnen ein Zwangspfand auf Einwegverpackungen. Mindestens 50 Pfennig schreibt die Verordnung auf eine Dose oder Einwegflasche vor. Zurzeit erfüllen die Hersteller die Quote nicht, was vor allem an den Brauern und ihrem Dosenbier liegt.

Wenn sich Ende des Jahres herausstellt, dass auch in diesem Jahr mehr Bier in Dosen verkauft wurde, dann kommt ab Sommer 2001 das Zwangspfand. Für die FDP-Umweltpolitikerin Birgit Homburger ist das eine schreckliche Vorstellung: Das Verpackungssystem bliebe dadurch so unflexibel wie bisher. Sie fordert, die Verpackungsverordnung zu novellieren und das Quoten-system abzuschaffen. Trittin wollte sich zwar gestern nicht festlegen, welche der zwei Alternativen er für sinnvoller hält. Doch ist er ein "Freund einfacher Lösungen" (Trittin) und vor allem ein Freund der Erziehung durch Zwangspfand. Es lässt sich also vermuten, dass ihm ein Pflichtpfand für Dosen und Einwegglas lieber ist. Trittin verspricht sich eine "Lenkungswirkung" davon - Trinker würden ihre Dose nach Gebrauch nicht einfach ins Gebüsch pfeffern, sondern abgeben und das Pfand kassieren. Wobei Trittin zufolge bei allen Varianten die Devise bleibt: "Global denken, lokal trinken".

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