Politik : Verscherzt, verschätzt

PETER GERNER

KAIRO .Unbeirrt vom militärischen Feuerwerk am nächtlichen Himmel setzt der Muezzin einer Moschee im noblen Ministerienviertel von Bagdad geistliche Prioritäten.Während die Sirenen heulen, Scheinwerfer das samtschwarze Firmament nach Flugzeugen und Marschflugkörpern abtasten und die Geschosse der irakischen Luftabwehr auf der Suche nach ihrem unsichtbaren Feind wirkungslos verpuffen, ruft der Gottesmann die Gläubigen zum Morgengebet.Auch die vierte Angriffswelle der anglo-amerikanischen "Operation Wüstenfuchs" kann ihn nicht von der Erfüllung seines Auftrages im Dienste Allahs abhalten.

Fatalistisch reagieren die meisten Bewohner der irakischen Hauptstadt.In unzähligen Wohnungen brennt Licht, kaum jemand hat sich in Keller oder öffentliche Schutzräume geflüchtet.Erst Mitte November hatte Saddam Husseins getreuer Paladin, Vize-Premier Tarik Asis, die Parole ausgegeben, "ob wir verhungern oder unter Bomben sterben, ist letztlich egal".Kaum jemand auch, der in Erwartung des "Tages X" Vorräte angelegt hätte.Nach über 18 Jahren des ununterbrochenen Kriegs- und Krisenzustandes werden die ersten Schläge hingenommen wie ein unabwendbares Naturereignis.

Daß Washington und London eines Tages zu ihrer "Strafaktion" schreiten würden, schien unausweichlich.Nur wenige Beobachter hatten indes damit gerechnet, daß es schon jetzt soweit sein würde.US-Präsident Bill Clinton hatte mit seinem Besuch bei Jassir Arafat in Gaza gerade einen spektakulären Erfolg verbucht.Und der bevorstehende islamische Fastenmonat Ramadan schien Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle der arabischen US-Freunde zu gebieten, das Weihnachtsfest auf das Ruhebedürfnis der Christenheit.Wenn sich Clinton dennoch dazu entschlossen hat, Saddam mit Gewalt zur Raison zu bringen, dann aus Gründen amerikanischer Glaubwürdigkeit.Washington wollte sich von dem Iraki nicht erneut an der Nase herumführen lassen.

Denn der 61jährige Saddam Hussein, dessen Name der "Konfrontierende" bedeutet, ist ein brutaler Diktator."Saddams Regime ist eines der effektivsten autoritären Regime der modernen Zeit und hat erfolgreich beide manipuliert: die Elite und den größten Teil der öffentlichen Meinung", schreibt das "Centre for Strategic and International Studies".1979 an die Macht gekommen, ließ er 22 führende Mitglieder und Konkurrenten in der Baath-Partei hinrichten.Es folgten Massaker an den Kurden, Hinrichtungswellen unter den Kommunisten.Offiziere starben ebenso wie Angehörige einflußreicher Familien.Selbst vor der eigenen Familie machte Saddam nicht halt: Halbbrüder wurden in den Hausarrest befördert und zwei Schwiegersöhne nach Flucht und Rückkehr aus Jordanien erschossen.Offenbar vertraut Saddam nur noch seinen beiden Söhnen aus erster Ehe, Udai und Kussai.Diese sollen den Sicherheitsapparat, die Medien und den lukrativen Schmuggel kontrollieren.Mit zahlreichen Spitzel- und Sicherheitsdiensten, einer Privatarmee und den Republikanischen Garden sowie Fluchtburgen im ganzen Land hat Saddam seine Macht abgesichert.

Allerdings ist auch das amerikanisch-britische Vorgehen gegen den Irak unaufrichtig.Als sich Bagdad 1991 zu einer kontrollierten Vernichtung seines ABC-Waffenarsenals verpflichten mußte, ging Washington davon aus, daß der Sturz Saddam Husseins nur eine Frage der Zeit sei.Mit der Übernahme einer neuen Regierung in Bagdad, so seinerzeit die These, könnten auch die 1990 über den Irak verhängten Wirtschaftssanktionen aufgehoben werden.Acht Jahre später sitzt Saddam so fest im Sattel wie eh und je.Ironischerweise haben ihm die Sanktionen dabei geholfen; denn jene Gesellschaftsschichten, aus denen sich eine potentielle Opposition hätte rekrutieren können, waren und sind zu sehr mit dem bloßen Überleben beschäftigt, als daß sie sich den "Luxus" politischer Aktivität leisten können.

Von der Exil-Opposition ist ebenfalls wenig zu erwarten.Zu oft sprechen deren Protagonisten nur für sich selbst.Nach allem, was die 22 Millionen Irakis in den letzten Jahren mitgemacht haben, wäre ein Regime, das sich auf die USA stützt, inakzeptabel.Die Annahme der Amerikaner, daß die irakische Bevölkerung auf die Segnungen einer Demokratie nach westlichem Muster wartet, ist naiv.Wenn überhaupt, dann kann ein Wandel nur aus den Reihen des Regimes heraus kommen - in erster Linie der Armee, der Baath-Partei und der Sicherheitskräfte.

Diesmal freilich scheint Hussein geahnt zu haben, daß er den Bogen überspannt hatte.Noch während die UN-Inspekteure sich nach Bahrain absetzten, begannen Bagdads Medien, martialische Märsche und Bilder auszustrahlen.Beobachter gehen davon aus, daß der Alleinherrscher wohl erneut einer Fehleinschätzung aufgesessen war.Ebenso wie er Mitte 1990 fälschlicherweise angenommen hatte, vom damaligen US-Präsidenten George Bush einen Freibrief für seine Kuwait-Invasion erhalten zu haben, glaubte er jetzt, einen handlungsunfähigen Clinton auf die Plätze verweisen zu können.

Erklärtes Ziel der Überraschungsattacke auf den Irak ist es, durch "anhaltende Bombardierungen" Saddam Husseins militärische Kapazität so nachhaltig zu schwächen, daß er außerstande ist, "seine Nachbarn zu bedrohen".Nach Meinung von Militärexperten ist er dies schon seit Jahren.Niemand in der Region bezweifelt, daß Bagdad versucht hat, den Besitz eines Rest-Arsenals an chemischen und biologischen Waffen sowie möglicherweise auch an Trägerraketen zu verschleiern.Allerdings sind diese Bestände so unbedeutend, daß sie als ernstzunehmender Bedrohungsfaktor kaum ins Gewicht fallen."Eine Null-Lösung gibt es nicht", sagte unlängst ein in Bagdad akkreditierter westlicher Diplomat."Vor allen Dingen kann man den Ingenieuren und Wissenschaftlern nicht ihr Know-how nehmen."

In der arabischen Welt geht man davon aus, daß die Luftattacken mit Ramadan-Beginn am Sonnabend oder Sonntag eingestellt werden.Dies hat auch Clinton in seiner Rede vor der Nation durchblicken lassen.Es wäre unvorstellbar, daß beispielsweise von Saudi-Arabien aus, dem Kernland des Islam, im Ramadan Angriffe gegen den Irak geflogen würden, ohne wütende Reaktionen nach sich zu ziehen.Ein Vorgeschmack auf die mögliche Langzeitkonsequenz des Militärschlages könnte bereits heute, am letzten Freitag vor dem Fastenmonat, zu erwarten sein.Demonstrationen im Anschluß an das große Wochengebet und die Freitagspredigt sind nicht auszuschließen.Denn die Mehrheit der Araber und ihrer Regierungen steht zwar nicht unbedingt hinter Saddam Hussein.Aber sie steht hinter dem irakischen Volk.

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