Politik : Verschwiegen, verdeckt, vertuscht

Malte Lehming

Er sagt, er sei elf Jahre alt gewesen. Damals ging Rick Gomez auf ein katholisches Internat im US-Bundesstaat Florida. Die meisten Lehrer dort sind Geistliche. Einer von ihnen, der Priester William Burke, soll den Jungen wiederholt sexuell missbraucht haben. "Ich konnte ihm nicht entkommen", sagt der heute 28-jährige Gomez. "Er kam nachts an mein Bett und weckte mich, wann immer es ihm passte. Ich fühlte, dass das, was wir taten, böse war. Aber gleichzeitig glaubte ich, dass es nicht böse sein konnte. Schließlich war Burke ein Priester."

Jetzt hat Gomez, der inzwischen als Computer-Fachmann arbeitet, Klage eingereicht. Sie umfasst den Vatikan, die oberste Rechtsinstanz der katholischen Kirche, wie auch Papst Johannes Paul II. persönlich. Vertreten wird Gomez von Jeffrey Anderson, einem Rechtsanwalt, der sich auf Missbrauchsklagen gegen die katholische Kirche spezialisiert hat. In den vergangenen Wochen waren mehrere solcher Fälle bekannt geworden. Zum Teil sollen sich Priester an ihren Schützlingen über Jahre hinweg vergangen haben. Anschließend wurden sie lediglich versetzt. Zu einer Suspendierung vom Dienst oder einer Anzeige bei der Polizei kam es aber nicht.

Der Vatikan genießt normalerweise besonderen Rechtsschutz, der ihn vor Klagen bewahrt. Er gilt gewissermaßen als souveräner Staat. Doch das stört den Anwalt nicht. "Die Straftaten wurden verschwiegen, gedeckt und vertuscht", sagt Anderson. "Und es war der Vatikan, der seinen Bischöfen und Untergebenen diese Strategie empfahl." Der Vorwurf lautet daher auf Vertuschung und vorsätzliche Behinderung polizeilicher Ermittlungen.

Der Papst hatte Ende März die Taten der katholischen Geistlichen scharf verurteilt. Dennoch haben sich bislang nur eine kleine Zahl von Bistümern in den USA dazu entschlossen, mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten. Erst Anfang dieser Woche hat die Diözese von New York eine Liste mit den Namen beschuldigter Priester an die Staatsanwaltschaft übergeben. Als Begründung für die Verzögerung hieß es, alle Personalakten aus den letzten 35 bis 40 Jahren hätten für die Zusammenstellung der Liste überprüft werden müssen. Die Mehrzahl der Opfer seien Jungen im Alter zwischen 5 und 15 Jahren.

Der Lehrer und Priester William Burke wurde damals auch versetzt. Als sich die Gerüchte über seine kriminellen Neigungen verstärkten, schickten ihn seine Vorgesetzten von Florida nach New Jersey. Dort kannte ihn ja keiner.

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