Politik : "Verschwörung gegen den Papst": Vatikanisches Komplott

René Althammer

Mühe bei der Planung seines Anschlags gibt sich der Attentäter nicht. Er steht mitten in einer großen Menschenmenge und wartet auf sein Opfer. Als sich das Ziel nähert, lässt er seine Fototasche fallen, zieht die Pistole und drückt ab. Zwei Schüsse - Stille herrscht auf dem Petersplatz. Gottes Stellvertreter auf Erden, Johannes Paul II., sinkt schwer verwundet in seinem offenen Jeep nach hinten. Eine Nonne schlägt dem Attentäter die Waffe aus der Hand. Zwei Minuten später wird der Mann widerstandslos abgeführt, als ginge ihn die ganze Angelegenheit nichts an.

Es ist Mittwoch, der 13. Mai 1981. Der Täter, der damals 23-jährige Ali Agca, ist ein international gesuchter türkischer Rechtsterrorist. Das Opfer, der Pole auf dem Stuhl Petri, steht für einen kompromisslosen Kurs der katholischen Kirche im Ostblock. Schnell fanden sich erste Erklärungen für das Attentat, etwa die so genannte bulgarische These. Der bulgarische Geheimdienst habe, so hieß es, mit Rückendeckung aus Moskau, das Attentat in Auftrag gegeben. Die Quelle - amerikanische Journalisten mit engen Beziehungen zu den kalten Kriegern im amerikanischen Geheimdienst CIA, die die Ost-West-Konfrontation zu Beginn der 80er Jahre anheizen wollten.

Doch schon damals gab es Zweifel: Was verbindet den Rechtsterroristen Agca, Mitglied der faschistischen "Grauen Wölfe", bekannt geworden durch Morde an linken Studenten in der Türkei, mit den kommunistischen Herrschern in Sofia und Moskau? Warum wird das Attentat so dilettantisch durchgeführt? Warum strahlt der Mann eine Ruhe aus, als könne ihm niemand etwas anhaben? Die bulgarische These ist schon seit Jahren widerlegt, nicht zuletzt durch die Hinterlassenschaft der Stasi. Doch wer hat das Attentat in Auftrag gegeben?

Valeska von Roques, langjährige Korrespondentin des "Spiegel" in Rom, hat die Spur Agcas aufgenommen. Das Ergebnis ist ein bemerkenswerter Hintergrundbericht über die Intrigen innerhalb der Mauern des Vatikans, Kämpfe zwischen Opus-Dei-Anhängern und Freimaurern, unaufgeklärte Morde, mafiotische Geldwäscheaktionen und bis heute parlamentarisch unbearbeitete Geheimdienstaktivitäten in ganz Westeuropa bis hin zum deutschen Bundesnachrichtendienst. Was sich zuweilen wie das Exposé für einen Politthriller liest, ist eine penibel recherchierte Rekonstruktion des Attentates, seiner Vorgeschichte und seiner Einbettung in politische Strategien und illegale Machenschaften. Von Roques stützt sich auf die Ermittlungsergebnisse des italienischen Staatsanwaltes Priore, auf Mittelsmänner im Vatikan und bisher unveröffentlichte Geheimdienstquellen.

Das Resümee: Die Auftraggeber sitzen direkt am Stuhl Petri. Johannes Paul II. stand mächtigen Kirchenfürsten im Weg. Gestützt wird diese These nicht zuletzt durch eines der großen Geheimnisse der katholischen Kirche, die Weissagung von Fatima. Erst im letzten Jahr hat Kardinal Ratzinger den dritten Teil dieser Vision öffentlich gemacht, bis dahin lag der Text versiegelt und nur den Päpsten zugänglich im Vatikan. Eigentümlich, Agca wusste um die Weissagung, die den Mord an einem "in Weiß gekleideten Bischof" beschreibt, schon 19 Jahre früher. War er deshalb so ruhig, weil er hinter sich mächtige Kirchenfürsten im Einklang mit diversen Geheimdiensten wusste?

Zu Agcas unmittelbaren Kampfgefährten gehörte der international gesuchte Rechtsterrorist Abdullah Catli. Sein Tod bei einem Verkehrsunfall 1996 im Südosten der Türkei führte zur Aufdeckung der europaweiten Verstrickungen der "Grauen Wölfe" mit türkischen, französischen und deutschen Geheimdiensten, der Verquickung von Drogen- und Waffenschmuggel. In diesem Geflecht, so zeichnet Valeska von Roques nach, lassen sich auch die Spuren der Hintermänner des Attentates finden. Wenn man will.

Doch daran ist anscheinend niemand interessiert. Bis heute weigert sich die Bundesregierung, Auskunft über die Zusammenarbeit des Bundesnachrichtendienstes mit türkischen Rechtsterroristen zu geben. 1998 saß ein langjähriger Weggefährte Agcas wegen Drogenhandels in einem deutschen Gefängnis. In der inzwischen etwas rechtsstaatlicher agierenden Türkei wurde er steckbrieflich gesucht. Yalzin Özbay - von ihm hat Abdullah Catli in Rom behauptet, dass der Bundesnachrichtendienst Geld geboten habe, wenn er und seine Genossen die "bulgarische These" aufrechterhalten. Aufgeklärt wurde dieser Vorwurf nie. Özbay selber fühlte sich von den deutschen Behörden sogar böswillig hintergangen, sie hätten feste Abmachungen nicht eingehalten.

Die "Verschwörung gegen den Papst" ist ein spannend geschriebener und exzellent recherchierter Report über die Verquickung von Geheimdiensten, Politik, Terrorismus und organisierter Kriminalität. Vor allem ist es kein Stück von gestern, die Hinter- und Mittelsmänner leben, völlig unbehelligt, auch in Deutschland.

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