• Verschwundene minderjährige Flüchtlinge: "Wir dürfen die jungen Leute nicht festhalten"

Verschwundene minderjährige Flüchtlinge : "Wir dürfen die jungen Leute nicht festhalten"

Europol schlägt Alarm: Tausende minderjähriger Flüchtlinge seien unauffindbar - und möglicherweise in den Händen von Menschenhändlern. Ein Gespräch über die Lage in Italien.

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Eltern, kleine Kinder - aber viele ältere Minderjährige kommen ohne Begleitung Erwachsener in Europa (hier Ende Januar auf Lesbos) an.
Eltern, kleine Kinder - aber viele ältere Minderjährige kommen ohne Begleitung Erwachsener in Europa (hier Ende Januar auf Lesbos)...Foto: Darrin Zammit Lupi/Reuters

Frau Valastro, Sie leiten die Abteilung für junge Flüchtlinge der Kinderschutzorganisation "Save the Children" in Italien. Allein in Ihrem Land sollen 5000 minderjährige Flüchtlinge nicht mehr auffindbar sein. Stimmt das?

Nehmen wir nur die gesicherten Daten des italienischen Innenministeriums: Demnach sind letztes Jahr 16.400 Minderjährige aus Booten gerettet worden oder an den Küsten gestrandet. 4100 mindestens mit einem Elternteil. Von den unbegleiteten haben uns 3100 Eritreer, 700 Syrer und 1300 Somalis wissen lassen, dass sie nicht bleiben, sondern weiter wollten zu Verwandten oder Freunden. Da sind wir fast genau bei dieser Zahl.

Und Italien hat sie ziehen lassen? Bei Minderjährigen ohne Erziehungsberechtigte ist doch der Staat in der Pflicht.
Die Aufnahmeeinrichtungen sind offen, wir können sie nach italienischem Gesetz nicht festhalten. Und ich möchte auch betonen, dass diese Minderjährigen nicht einfach im Nichts verschwinden. Sie tauchen in Mailand und Rom wieder auf, aber sie sind später auch in Deutschland oder in Schweden.

Wie beurteilen Sie es, dass Kinder und Jugendliche einfach weggehen können?
Es ist sehr gefährlich und besorgniserregend. Dabei gäbe es Möglichkeiten, die Lage zu verbessern. Die Dublin-Regeln schreiben sogar vor, dass Minderjährige ohne Erziehungsberechtigte zu Verwandten gebracht werden müssen, und das innerhalb von zwei bis höchstens drei Monaten. Nur dauert das derzeit ein Jahr. Wenn sie uns fragen und wir ehrlich antworten, sagen sich die jungen Leute: Dann schlagen wir uns selbst durch.

Viviana Valastro
Viviana ValastroFoto: Save the Children

Könnte man nicht in klaren Fällen sagen: Dieser junge Mensch wird zu Onkel und Tante begleitet, ohne dass das ein Jahr Bürokratie kostet?
Wie klar der Fall ist, müssen Sie erst einmal feststellen. Angenommen, die Tante lebt in Holland: Dann muss geprüft werden, ob sie ihren Neffen aufnehmen will, ob sie selbst den nötigen Aufenthaltsstatus hat, ob sie die Mittel dafür hat. Aber selbst wenn das alles durch ist, muss geprüft werden, ob sie überhaupt die Tante ist. Das ist oft am schwierigsten, weil die Papiere im Krieg verbrannt oder verloren gegangen sein können. Darüber vergeht rasch ein Jahr. Und für Großbritannien gelten diese Regeln nicht einmal.

Was geschieht in solchen Fällen?
Ich hatte hier kürzlich einen jungen Somali, der zu seinem Bruder wollte, der in England war und dort als Ingenieur arbeitete. Er hatte gar keine andere Möglichkeit, als sich auf eigene Faust zu ihm durchzuschlagen.

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