Verschwundener Frachter : Russland dementiert Waffenschmuggel auf der "Arctic Sea"

Die Spekulationen reißen nicht ab: Der Frachter soll Waffen an Bord versteckt haben, darunter auch Marschflugkörper. Für Moskau indes sind das nur "lächerliche Fantasien". Die "Arctic Sea" war am Montag vor Westafrika aus der Gewalt von Piraten befreit worden.

In den vergangenen Wochen, als das Rätselraten um den Frachter Arctic Sea einen neuen Höhepunkt erreicht hatte, meldeten sich auch einige Militärexperten zu Wort. Sie mutmaßten, dass unter der Holzladung auf der Arctic Sea Marschflugkörper für Iran versteckt gewesen sein sollen. Russland bezeichnete diese Spekulationen nun als "Fantasie" und "lächerlich". Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin räumte gegenüber der Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta zwar ein, dass der Einsatz der Schwarzmeerflotte zur Befreiung des Schiffes ein ungewöhnlich großer Aufwand gewesen sei. Dies habe Moskau jedoch wegen der russischen Seeleute an Bord getan – nicht wegen möglicher Raketen.

Vier Tage nach der Befreiung des lange verschollen geglaubten Frachters Arctic Sea hat Russlands Luftwaffe die acht mutmaßlichen Piraten sowie die meisten Seeleute nach Moskau gebracht. Die russische Justiz hat Haftbefehle gegen die acht mutmaßlichen Piraten erlassen. Den
Verdächtigen werde die Entführung russischer Seeleute sowie Piraterie zur Last gelegt, teilten die Ermittler nach Angaben der Agentur Interfax am Freitag in Moskau mit.

Entgegen früheren Angaben ist unter den Verhafteten auch ein Spanier. Die Haftbefehle ergingen zudem gegen einen Litauer, einen Russen sowie drei Staatenlose, hieß es. Die Nationalitäten von zwei weiteren Gefangenen müssten noch geklärt werden.

Drei Militärflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-76 landeten am Donnerstag aus Westafrika auf dem Moskauer Flughafen Tschkalowski. Die Größe der Maschinen, mit denen sogar Panzer transportiert werden können, sorgte für neue Spekulationen über die Fracht der Arctic Sea: Russische und ukrainische Zeitungen schrieben, dass es sich um Marschflugkörper handeln könne. So seien mit Atomsprengköpfen bestückbare Raketen vom Typ X-55, die aus Sowjetzeiten stammten, bereits in der Vergangenheit nach Iran geschmuggelt worden, berichtete die Moskauer Zeitung Nowyje Iswestija. Die Ukraine musste 2005 den Schmuggel von Raketen dieses Typs nach Iran und China einräumen.

Die ukrainische Internetzeitung Obosrewatel (Beobachter) berichtete ohne Angabe von Quellen, dass vier X-55-Raketen bei einer Reparatur der Arctic Sea in der russischen Ostseeregion Kaliningrad um die frühere Stadt Königsberg an Bord gebracht worden seien. Allerdings hätten sich in den Verschalungen keine atomaren Sprengköpfe befunden. Die Autoren des Artikels gehen davon aus, dass Geheimdienste mehrerer Länder in den Fall verwickelt seien. Die Arctic Sea habe die Raketen an Islamisten in Algerien übergeben wollen, die wiederum eine illegale Lieferung der X-55 an den Iran geplant hätten. Möglicherweise sollten sie bei einem Krieg gegen Israel eingesetzt werden.

Im russischen Fernsehen waren erstmals Bilder von der befreiten Besatzung veröffentlicht worden. Die Männer wirkten gesundheitlich wohlauf. Die russische Seefahrergewerkschaft hatte in einem offenen Brief an die Führung in Moskau appelliert, endlich Kontakt zwischen den Seeleuten und ihren Angehörigen herzustellen.

Der Sprecher der russischen Ermittlungsbehörden machte zunächst weiter keine Angaben, wann die Seeleute ihre Angehörigen wiedersehen dürfen. Der russische Geheimdienst habe den Verdacht, dass Besatzungsmitglieder an der Entführung des Schiffes beteiligt waren, berichtete das Internetportal Life.ru. Die Vernehmungen im früheren KGB-Gefängnis Lefortowo hätten am Donnerstag bis tief in die Nacht gedauert und seien am Freitag fortgesetzt worden.

Einer der mutmaßlichen Entführer sagte beim Verhör, er und seine Mitstreiter seien "Mitglieder einer Umweltschutz-Organisation". Beim vermeintlichen Kapern des Schiffes habe die Gruppe keine Waffengewalt angewendet, behauptete er im TV-Sender Rossija. Das Verhältnis zur Besatzung sei "gut" gewesen.

Die Arctic Sea war nach offiziellen Angaben am Montag vor Westafrika aus der Gewalt von Piraten befreit worden. Nach russischer Darstellung hatten die Seeräuber den Frachter am 24. Juli vor der schwedischen Küste in ihre Gewalt gebracht. Laut Russlands Nato-Botschafter Rogosin habe man Dank der militärischen Aufklärung der Nato bereits seit dem 12. August den Kurs des Frachters verfolgen können. Die Nato habe Russland regelmäßig mit Daten versorgt und damit zur Geiselbefreiung beigetragen, sagte er.

Der Kapitän sowie drei Seeleute der Arctic Sea befinden sich derzeit noch auf dem Schiff. Mittlerweile hat der Frachter von der Küste des Inselstaats Kap Verde aus Kurs auf den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk aufgenommen.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa

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