Politik : „Versicherung muss Pflicht werden“

Umweltbundesamt-Chef fordert private Vorsorge

Haben wir aus den Jahrhunderthochwassern an der Oder vor zehn und der Elbe vor fünf Jahren etwas gelernt?

Der Bund und die Länder haben gelernt, das zeigt das Hochwasserschutzgesetz. Und auch die Europäische Union hat gelernt. Wir bekommen eine Hochwasserrichtlinie, die verabschiedet ist, obwohl sowohl die Mitgliedstaaten als auch unsere Bundesländer immer sehr auf ihre eigenen Zuständigkeiten achten. Aber diese Aufgabe wurde als eine gemeinsame erkannt. Vor allem, weil mit dem fortschreitenden Klimawandel mehr und heftigere Hochwasser zu erwarten sind. Das bleibt auch nicht auf die Flüsse beschränkt, Starkregen kann nahezu überall zu Überschwemmungen führen.

Aber das Hochwasserschutzgesetz wurde entschärft. Und die Überschwemmungsflächen sind doch eh schon stark zugebaut.

Trotzdem: Wer hätte gedacht, dass ein so umfassendes Bauverbot in Überschwemmungsgebieten durchgesetzt werden könnte? Es gibt genügend Kommunen, die immer noch neue Baugebiete hätten ausweisen wollen. Außerdem ist nach der Flut sogar ein Ort umgesiedelt worden, Röderau-Süd wurde aufgegeben. Selbstverständlich ist das nicht.

Haben auch die Flussanlieger gelernt?

Wer öfter Hochwasser hat, ist ganz gut vorbereitet. Aber wer wenig Erfahrung damit hat, stellt sich oft nicht genug auf das Risiko ein. Hochwasserkarten können hier hilfreich sein.

Beim Wiederaufbau half Erfahrung wenig. Viele bauten wieder Ölheizungen ein.

Gas oder Nahwärme wären weniger risikoreich, das stimmt. Man kann eine Menge tun, man kann Heizungen auch höherlegen. Aber das berührt ein Grundverständnis. Solange der Staat den Großteil der Schäden ersetzt, wie beim Elbe-Hochwasser, haben Privatleute wenig Anreiz, Eigenvorsorge zu betreiben. Deshalb fordern wir schon lange eine verpflichtende Elementarschadenversicherung, die mit günstigeren Prämien angepasstes Verhalten belohnt – ein erprobtes Instrument in anderen Versicherungsbereichen. Für eine 300 000-Euro-Immobilie muss man heute je nach Selbstbehalt und Angebot mit einer Prämie von rund 300 Euro im Jahr rechnen. Das würde das Verhalten ändern. Elektrogeräte würden hoch gelagert, die Heizung hochwassersicher gemacht.

Warum ist es so gut wie nicht gelungen, neue Retentionsflächen zu gewinnen?

So gut wie nicht stimmt ja nicht. Wir haben eine Deichrückverlegung in Lenzen in Brandenburg, und im Lödderitzer Forst in Sachsen-Anhalt ist eine geplant.

Insgesamt sind das etwa 1000 Hektar neue Überschwemmungsfläche.

Das reicht nicht aus. Das stimmt schon. Man muss an alte Rechte ran. Die Deiche müssen neu gebaut, die alten durchlässig gemacht werden. Die Planungen für die Rückverlegung in Lenzen begannen etwa zehn Jahre vor dem Jahrhunderthochwasser. In unserer Rechtsordnung ist es außerordentlich schwierig, in kurzer Zeit viel zu erreichen.

Dauerte das bei der Verlegung von Dörfern für den Braunkohleabbau auch so lange?

Das wird mit dem Emissionshandel ab 2008 nicht mehr besonders attraktiv sein. Aber Deichrückverlegungen sind Eingriffe in bestehende Rechte, und sie kosten meistens auch noch viel Geld. Das schränkt solche Unternehmungen stark ein.

Man könnte doch mit den Gebieten anfangen, in denen keine Dörfer verlegt werden müssen, und nur mit den Bauern streiten.

Das ist genauso schwierig. Das ist ja das Geschäft, das viele Länder machen, durchaus mit gutem Willen. Aber es ist außerordentlich schwierig, obwohl Deichrückverlegungen ökologisch gesehen nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern auch der Vielfalt von Pflanzen und Tieren dienen.

Ist seit den Fluten die internationale Zusammenarbeit der Flussanrainer besser?

Die internationalen Flusskommissionen haben die Hochwasservorsorge stark aufgegriffen – und zwar in allen Verästelungen. Da ist das Thema angekommen, das zeigt auch die neue EU-Hochwasserrichtlinie. Aber aus den Fehlern der Vergangenheit kann man eigentlich nur dann lernen, wenn Neues geplant wird.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

Andreas Troge (57) leitet das Umweltbundesamt (UBA). Der Volkswirt kämpft darum, dass der Parole, den Flüssen mehr Platz zu geben, Taten folgen, und fordert mehr Eigenvorsorge.

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