Politik : Versöhnung ist mehr als ein Wort Symposium zur Situation auf dem Balkan

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Am 14. Dezember 1995 wurde das Abkommen von Dayton unterzeichnet, das den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete. Mehr als 16 Jahre später trafen sich nun Vertreter der drei ehemaligen Kriegsparteien Serbien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina zu einem Internationalen Symposium an der Freien Universität. Organisiert wurde es vom Interuniversitären Zentrum Berlin/Split – einer gemeinsamen Einrichtung der Freien Universität Berlin und der kroatischen Universität Split.

Teilnehmer der Tagung waren unter anderem der kroatische Botschafter in Deutschland, Miro Kovac, sein serbischer Kollege Ivo Viskovic sowie Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus Kroatien, Serbien sowie Bosnien und Herzegowina. Im Laufe des Symposiums zu „rechtlichen und politischen Fragen der Versöhnung auf dem Balkan“ unter der Leitung von Professor Herwig Roggemann, dem Direktor des Interuniversitären Zentrums, diskutierten die Teilnehmer durchaus kontrovers, zum Teil rangen sie sogar um die Deutungshoheit einzelner Begriffe. So wurden etwa Unterschiede in der Wahrnehmung der Kriege in Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien deutlich.

„Der Krieg in Kroatien wird in Kroatien als Verteidigungskrieg angesehen“, sagte Miro Kovac. Sein serbischer Kollege, Ivo Viskovic, betonte, dass im Grunde genommen alle Kriegsparteien Verlierer seien. Denn obwohl der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic die Hauptschuld trage, hätten auch Vertreter anderer Staaten Kriegsverbrechen begangen.

Für Ante Nazor vom Kroatischen Erinnerungs- und Dokumentationszentrum des Heimatkrieges in Zagreb ist „der Umgang mit den eigenen Kriegsverbrechen in Kroatien weit vorangeschritten“. So sei kroatischen Generälen in ihrem Heimatland der Prozess gemacht worden. „Die Versöhnungspolitik geht inzwischen so weit, dass einige offizielle Vertreter der serbischen Minderheit heute im kroatischen Parlament sitzen, obwohl diese Anfang der 1990er Jahre auf der Seite des Aggressors gekämpft haben.“

Der Bosnier Mirsad Tokaca vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Sarajevo unterstrich, dass nicht alle Opfer des Krieges gleich anzusehen seien. Denn im Gegensatz zu den getöteten Soldaten, die an Kriegshandlungen beteiligt waren, hätten die mindestens 100 000 ermordeten Zivilisten zum Zeitpunkt ihrer Tötung unter dem Schutz des Völkerrechts gestanden. Sie seien trotzdem kaltblütig ermordet worden. Rund 83 Prozent der 100 000 Getöteten, deren Identität das Forschungs- und Dokumentationszentrum Sarajevo rekonstruiert hat, sind nach Angaben Tokacas Bosniaken gewesen, und somit muslimische Bewohner des Landes Bosnien und Herzegowina.

Miro Kovac, dessen Land vom kommenden Jahr an als 28. Mitglied der Europäischen Union angehören wird, sagte, man wolle den europäischen Weg gemeinsam mit Serbien sowie Bosnien und Herzegowina gehen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass alle ehemaligen Kriegsparteien eines Tages vereint unter dem Dach der Europäischen Union Platz finden werden. Bis zur Versöhnung ist es aber noch ein weiter Weg. Doch die Vertreter der ehemaligen Kriegsparteien reden bereits miteinander. Auch in Berlin, wo es das erste Zusammentreffen dieser Art war.

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