Politik : Versteckte Vorurteile

Studie: Fast jeder fünfte Deutsche will keine Juden als Nachbarn

Christian Böhme

In Deutschland sind Vorurteile gegen Juden weit verbreitet. Gleichzeitig ist jedoch das Bemühen groß, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Dies zeigt nach Ansicht des American Jewish Committee (AJC) eine von ihm in Auftrag gegebene Studie. Das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap hatte vom 8. bis zum 25. Oktober 1250 Deutsche – 994 im Westen, 256 im Osten – über ihre „Einstellung zu Juden, zum Holocaust und zu den USA“ befragt. Es ist nach 1990 und 1994 die dritte Untersuchung des AJC zu diesem Thema seit der Wiedervereinigung.

Laut der am Montag veröffentlichten Studie glauben zum Beispiel 20 Prozent der Befragten, dass Juden „zu viel Einfluss“ in der deutschen Gesellschaft hätten. 40 Prozent meinen sogar, dass sie einen „großen Einfluss“ auf das Weltgeschehen ausübten. Die Hälfte (52 Prozent) der Menschen in Ost und West ist zudem der Auffassung, Juden nutzten die Erinnerung an den Völkermord zu ihrem eigenen Vorteil aus – 13 Prozent mehr als 1994. Die Zahl derjenigen, die keine Juden als Nachbarn haben wollen, ist zwar in den vergangenen acht Jahren um fünf Prozent gesunken. Aber immer noch 17 Prozent (also fast jeder Fünfte) empfinden diese Vorstellung als unangenehm.

Trotz solcher Ressentiments halten laut der Umfrage zwei Drittel der Deutschen es für erforderlich, dass das Thema „Vernichtung der Juden durch die Nazis“ ein fester Bestandteil des Schulunterrichts sein sollte. Eine ähnlich große Mehrheit plädiert dafür, der Opfer des Völkermords zu gedenken. Dem entspricht auch die Zustimmung zum in Berlin geplanten Holocaust-Mahnmal. Die Hälfte der Befragten befürwortet das Vorhaben. Zum Vergleich: 1994 waren es zwölf Prozent weniger.

Wenig halten die Deutschen offenbar gegenwärtig von den Beziehungen Deutschlands zu den USA. Fast 50 Prozent bezeichnen das Verhältnis zum Verbündeten als „nicht so gut“, 31 Prozent finden es „gut“. Die überwiegende Mehrheit (77 Prozent) glaubt, die Vereinigten Staaten handelten hauptsächlich im eigenen Interesse.

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