• Verteidigungsminister Scharping muss in den Kasernen vor allem Besorgnisse wegen des Sparens zerstreuen

Politik : Verteidigungsminister Scharping muss in den Kasernen vor allem Besorgnisse wegen des Sparens zerstreuen

Robert Birnbaum

"Jetzt, Rudolf, noch mal zum Standort!". Das liegt der Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Immendingen schon seit gestern Abend im Magen. Die Gemeinde am Rande des Schwarzwalds beherbergt eine Garnison der Deutsch-Französischen Brigade. Ein politisch-militärisches Prestigeprojekt also, um dessen Fortbestand sich die 7000 Immendinger im Grunde genommen nicht sorgen müssten. Doch seit Hans Eichel der Bundeswehr Diät verordnet hat, machen sich Soldaten wie Zivilisten an den Truppenstandorten so ihre Gedanken. Denn noch ist unklar, wie der Verteidigungsminister die Kürzungsvorgabe umsetzen will; erst recht ist unklar, wie es nach 2000 weitergeht. Und so wird Rudolf Scharpings dreiwöchige Sommerreise an die Basis vor allem eins: eine Beruhigungstour.

In Immendingen hat Scharping noch vergleichsweise leichtes Spiel: Es gebe keinerlei Planungen, nicht einmal Überlegungen, die Garnison zu verkleinern, versichert er den SPD-Honoratioren beim Frühstück. Die Genossen können solche Sätze gut gebrauchen. Taugen sie doch als Abwehrmunition gegen alle Versuch der CDU, die noch eher latente Unruhe in den Kasernen gezielt zu schüren. Die Standortfrage, mahnt Scharping vorbeugend, tauge nicht als Wahlkampfthema.

Andererseits kommt ihm eine generelle Standort-Garantie nicht über die Lippen. Scharping weiß viel zu genau, dass spätestens mit der Strukturreform der Bundeswehr im nächsten Jahr der Personalumfang der Armee zur Debatte stehen wird. Darum beschränkt er sich darauf, den durch die Veränderungen seit 1990 schon vielfach gebeutelten Soldaten wenigstens eine gewisse Stetigkeit in Aussicht zu stellen: "Ich werde nichts tun, was den gerade erst einigermaßen abgefederten Druck auf die Soldaten und ihre Familien wieder erhöht", verspricht er.

Die Botschaft hört die Truppe gern. Die leise Unruhe ist trotzdem da, selbst in Elite-Standorten wie Immendingen oder zum Beispiel in Lechfeld. Auf dem Fliegerhorst in Bayern sind die Helden des Kosovo-Einsatzes stationiert: Die Flieger der ECR-Tornados, die die jugoslawische Luftabwehr niedergehalten haben. Ziemlich nüchterne Helden sind das; solche wie Jürgen "Phil" Akkermann, Staffelkapitän und mit 16 Einsätzen über dem Kosovo einer der Erfahrenen. Vier Raketen haben die Jugoslawen auf ihn abgeschossen. Getroffen hat keine, aber, sagte er, da war viel Glück dabei: "Die jugoslawische Luftabwehr war unheimlich gut." Einer seiner Kameraden ist gerade noch davon gekommen: Gejagt von einer Rakete und einer MIG-29, half nur noch, "mit Überschall davonzulaufen". "Der hat danach schon ein bisschen das Klappern gehabt", sagt der Major.

Das Klappern ist mittlerweile vorbei. Aber mancher im Fliegerhorst wird das Gefühl nicht los, dass auch das Heldentum bei den Regierenden schon in Vergessenheit gerät. Um ihren Job müssen sich die Jetpiloten keine Sorgen machen. Aber auch sie haben ihre Erfahrungen mit knappen Bundeskassen gemacht. "Was würden Sie denn sagen, wenn man Ihnen Geld wegnimmt?", fragt ein Pilot und rechnet vor, dass er in den letzten Jahren fünf Prozent Einkommen eingebüßt hat. Die Fliegerzulagen werden seit einiger Zeit versteuert, hinzu kommen die Folgen eines Beförderungsstaus, der dazu führt, dass fällige Gehaltserhöhungen sich jeweils um ein paar Jahre hinauszögern. "Die Leute fragen sich schon, was da nachkommt, wenn weiter gespart werden soll", sagt ein Offizier.

Was Scharping während seiner Sommertour sagt, ist wenig dazu angetan, Besorgnisse zu zerstreuen. Dass die Zukunft der Bundeswehr nicht mehr gesichert sei, wenn nicht außerplanmäßig für 20 Milliarden Mark investiert werde, wissen viele Soldaten beim Blick in Hangars und Ersatzteillager nur zu gut. Aber Scharping verrät nicht, woher das Geld kommen soll. Dass er an Ausbildung, Übungsbetrieb und internationalen Einsätzen nicht sparen werde, lässt viel Raum für bange Fragen, was denn das für alle übrigen Aufgabenbereiche bedeuten mag.

Scharpings bester Trumpf ist bei alledem immer noch er selbst. Er werde konsequent für die Bundeswehr streiten, verspricht der Minister: "Wollte ich das nicht, könnte ich mir ja die Zukunft aus der sehr hohen Warte des Nato-Hauptquartiers angucken." Dass er zu ihnen steht, verschafft ihm Achtung bei den Soldaten. Aber dass Kanzler Schröders Garantie für den Wehretat gerade mal ein halbes Jahr gehalten hat, hat die Truppe misstrauisch gemacht. Dass Scharping trotz dieser schlechten Erfahrung die Überzeugung verbreitet, die Sparaktion für das Jahr 2000 werde ein einmaliges Ereignis bleiben, weil mehr Sparen gar nicht gehe ("Die Einsicht wächst", glaubt er über Kabinettskollegen sagen zu können), beruhigt die Truppe nicht. "Wir müssen bald wissen, woran wir sind", sagt ein Berufssoldat. "Nicht wissen, was wird - das macht die Leute am meisten kaputt."

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