Politik : Verteidigungsminister Sergejew nennt erstmals offen das Kriegsziel

Jelzin kehrt zur Beratung mit Putin vorzeitig aus dem Urlaub zurück. Flüchtlinge werden weiter an der Grenze zurückgehalten

Russland will nach den Worten von Verteidigungsminister Igor Sergejew ganz Tschetschenien einnehmen. Die russischen Soldaten würden nicht nur die Hauptstadt Grosny "von Terroristen befreien", sondern ganz Tschetschenien, sagte er am Mittwoch in Usbekistan der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Dies sei der "Auftrag" der Armee, die die "volle Unterstützung" von Präsident Boris Jelzin habe.

Jelzin unterbrach nach Kreml-Angaben am Mittwoch seinen Urlaub am Schwarzen Meer, um sich in Moskau zu Beratungen mit Regierungschef Wladimir Putin zu treffen. Über eine geplante Einnahme Grosnys gab es bislang widersprüchliche Angaben der russischen Armeeführung. Während des ersten Tschetschenienkrieges von 1994 bis 1996 waren russische Truppen am heftigen Widerstand der Tschetschenen bei der Einnahme Grosnys gescheitert.

Sergejew zufolge kontrollieren die russischen Streitkräfte neun der 31 größeren Stadtbezirke von Grosny. Zudem hätten die Truppen sieben der 22 Stadtviertel der zweitgrößten Stadt Gudermes unter ihre Kontrolle gebracht. Noch am Mittwoch, spätestens aber am Donnerstag würde Gudermes "von Banditen befreit", betonte er.

Ein Sprecher Jelzins sagte, der Präsident kehre zu einem "Arbeitstreffen" zurück. Ursprünglich hätte Putin in Jelzins Urlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer reisen sollen. Dort hält der Präsident sich seit dem 27. Oktober auf. Jelzin hatte Putin die volle Verantwortung im neuen Tschetschenien-Konflikt übertragen. Der Westen hatte den Regierungschef beim Nahost-Gipfel für das Vorgehen kritisiert. Putin hatte sich jedoch gegen jede Einmischung verwahrt.

Unterdessen haben russische Soldaten am Mittwoch erneut Tausende verzweifelter Kriegsflüchtlinge an der tschetschenischen Grenze zurückgehalten. Gleichzeitig setzten Kampfflugzeuge und Artillerie ihre Angriffe auf mehrere Städte in der Kaukasusrepublik fort. Soldaten riegelten am Mittwoch erneut den Grenzübergang in die Nachbarrepublik Inguschetien nahe der Ortschaft Sleptsowskaja ab und spannten Stacheldraht über die Zugangsstraße. Beim Versuch der Menschenmenge, die Sperren zu durchbrechen, wurde am Dienstag eine Frau getötet. Sechs Flüchtlinge wurden verletzt.

Die Soldaten ließen am Dienstag lediglich 20 Menschen nach Inguschetien passieren; in die andere Richtung wurden etwa 100 der insgesamt 10 000 Wartenden durchgelassen. Auch am Mittwoch kam es an der Grenze zu dramatischen Szenen. Frauen, Kinder und alte Leute versuchten verzweifelt, sich im Gedränge auf den Beinen zu halten. Einige fielen in den von russischen Truppen gespannten Stacheldraht.

Eine Delegation des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR besuchte ein Flüchtlingslager in Inguschetien. Die UN-Mitarbeiter wollen heute zu dem gesperrten Kontrollpunkt fahren. Rund 17 Kilometer lang erstreckte sich die Schlange von Fahrzeugen vor der Grenze, wie der russische Fernsehsender NTV berichtete. Viele von ihnen gaben am Mittwoch entnervt auf und traten die Rückfahrt ins Kriegsgebiet an.

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