Verteilung von Geflüchteten : Flüchtlingsschutz geht nicht nur in reichen Ländern

Je mehr Länder Flüchtlinge aufnehmen. ist nicht zwingend besser. Vielmehr müssen reiche Länder in Krisenregionen investieren. Ein Kommentar.

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Flüchtlinge auf einem Schlauchboot vor der italienischen Insel Lampedusa.
Flüchtlinge auf einem Schlauchboot vor der italienischen Insel Lampedusa.Foto: Darrin Zammit Lupi/MOAS.EU/dpa

Vor knapp einer Woche beklagte Amnesty International, dass die reichen Länder sich auffallend drückten vor der Aufnahme von Flüchtlingen. Die überließen sie, mit Ausnahme von Deutschland und Kanada, den armen Ländern. Der heißeste Zorn traf Großbritannien mit seinen bisher nur 8.000 aufgenommenen syrischen Flüchtlingen seit 2011.

Ja, allein die bloßen Zahlen geben der Menschenrechtsorganisation Recht: Von den weltweit 21 Millionen (0,3 Prozent der Weltbevölkerung), die vor Gewalt, Armut und Hunger geflohen sind, lebt mehr als die Hälfte in zehn Ländern, meist Nachbarregionen, wo selbst für viele Einheimische das Überleben ein Kampf ist, wie zum Beispiel in Kenia, Äthiopien, Uganda, auch in Pakistan.

Möglichst vielen eine Perspektive geben

Doch schon die simple Gleichung, je mehr Länder Flüchtlinge aufnehmen, desto besser für alle Flüchtlinge weltweit, weil es die ärmeren Staaten weniger kostet, ist ein Irrtum. Die Länderverteilung wäre dann zwar gerechter, aber kann das wirklich das zentrale Ziel von wirksamem Flüchtlingsschutz sein? Muss es nicht eher darum gehen, möglichst vielen, auch den in armen Regionen Gestrandeten, wieder eine Perspektive zu geben?

Selbst wenn die britische Regierung eine halbe Million Flüchtlinge aufgenommen hätte, was hätte das geändert für die restlichen zwölf Millionen, die in den Regionen geblieben sind, weil sie die Schlepper nicht bezahlen konnten und oft auch, weil sie die schwächeren Familienmitglieder nicht allein lassen wollen?

Ja, es ist zu wenig, wenn reiche Staaten nur die Ernährungsprogramme hochfahren. Von eineinhalb Dollar täglich pro Person auf drei Dollar. So sieht keine Trendwende in der Flüchtlingspolitik aus. Die Reichen müssten schon ganze Arbeit leisten und sich dort ein- und nicht rauskaufen. Sie müssen urbane Zentren bauen mit Schulen, Krankenhäusern und Arbeitsplätzen für die Einheimischen und die Neubürger. Also systematisch Entwicklungshilfe mit Flüchtlingsschutz verbinden, wie es der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller vorhat, aber nicht in großen Maßstab realisieren kann - auch weil es an weltweiter Unterstützung fehlt.

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