Politik : „Vertrauen in Politik total erschüttert“ Protestforscher fordert neue Sozialprogramme

Herr Bagguley, seit Tagen kommen London und andere Städte nicht zur Ruhe. Was sind die Ursachen für die Unruhen?

Der Tod von Mark Duggan und wie die Polizei damit umgegangen ist, war der Auslöser. Seitdem ist die Situation dramatisch eskaliert. Der eigentliche Grund liegt aber in sozialen Problemen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dramatisch angestiegen. Außerdem wurden viele Bildungs- und Sozialprogramme gekürzt, was sich jetzt rächt.

Welche Rolle spielt die Wirtschaftskrise?

Es gibt eine große Frustration darüber, dass Banken mit Milliardensummen von der Regierung gerettet worden sind und nun wieder ohne Ende Geld machen. Gleichzeitig gehen die Reallöhne zurück, und die Inflation zieht an. Insofern ist die Krise ein wichtiger Teil der Erklärung.

Ist die Polizei fähig, mit den Unruhen angemessen umzugehen?

Die Polizei verfügt durchaus über Krisenpläne, beispielsweise für Fußballspiele oder Großdemonstrationen. Die Polizei weiß auch, wie sie plötzliche Gewaltausbrüche in den Griff bekommen kann. Bei dieser Art von Unruhen kann aber fast gar nicht vorhergesagt werden, was als Nächstes passiert. Außerdem kann die Polizei nicht überall gleichzeitig sein. Das erschwert ihre Arbeit enorm.

Welchen Hintergrund haben die Leute, die sich an den Krawallen beteiligen?

Im Fokus der Öffentlichkeit stehen derzeit die vielen junge Leute. Es stimmt, dass viele von denen keine Jobs, keine Verpflichtungen haben. Und nicht wenige von ihnen liefern sich nun schwere Straßenschlachten mit der Polizei. Es gibt aber auch ganz andere, darunter Erwachsene mit Jobs und Kindern, die Läden plündern. Sie werden aber weniger wahrgenommen.

Haben sie politische Forderungen?

Sie artikulieren sie nicht direkt. Sie haben aber das Gefühl, dass die Gesellschaft immer ungerechter, immer ungleicher wird. Hinzu kommt der Abhörskandal durch die Zeitung „News of the World“, der das Vertrauen in die Medien und die Politik total erschüttert hat.

Wozu führt das?

Die Leute fühlen sich von der Regierung nicht mehr vertreten. Viele aus der politischen Elite stammen aus sehr reichen Familien und sind auf Eliteuniversitäten gegangen. Das hat mit dem Leben der normalen Leute nichts mehr zu tun.

Wie geht es nun weiter?

Ich denke, dass sich die Situation etwas entspannen wird, zumindest in London, wo es mittlerweile ja ein riesiges Polizeiaufgebot gibt. Langfristig muss sich die Regierung überlegen, ob sie gewisse Bildungs- und Sozialprogramme wieder einführt. Auch die Frage, ob der Etat der Polizei in den nächsten Jahren wirklich um zehn oder 15 Prozent gekürzt werden soll, wird sicherlich noch mal diskutiert werden. Sonst hätte die Polizei in Zukunft noch größere Probleme, mit solchen Situationen umzugehen.

Paul Bagguley ist Soziologe an der Universität von Leeds. Er erforscht soziale Bewegungen und Proteste. Das Gespräch führte Marc Etzold.

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